ein paar neue Beobachtungen

Zum Anfang meines Aufenthalts in Perm habe ich hier eine ganze Liste veröffentlicht, auf der die grössten Überraschungen und mir unverständlichen Gewohnheiten der Russen stehen . Diese Liste möchte ich jetzt um ein paar Punkte erweitern.

  • Taxi – ich bin kein häufiger Taxi-Fahrgast, nicht in Russland und auch nicht in Europa. Trotzdem bin ich von einigen Angewohnheiten und Regeln der russischen Taxi-Fahrern ausgesprochen verblüfft, wenn nicht sogar entsetzt! Ich habe vor einigen Wochen die Taxidienste aufsuchen müssen und zwar wegen meines Umzugs und einer Fahrt zum Flughafen ganz früh am Morgen. Das heisst, ich hatte jeweils ziemlich viel Gepäck dabei. Niemals hat sich der Fahrer Mühe gegeben, mir mit dem Gepäck zu helfen! Niemals! Was noch schlimmer war, habe ich vor ein paar Tagen eine Szene beobachtet, wie das Taxi auf eine blinde Frau wartete, die das Auto nicht finden konnte. Die Männer waren zu zweit in dem Auto, haben der Frau etwas zugerufen, aber keiner ist ausgestiegen, um ihr zu helfen! Und dann tauschen sie noch vor, dass sie kein Wechselgeld haben. Ja, ein alter Trick, aber wie gesagt, ich fahre nicht sehr oft mit dem Taxi und deshalb hat es eben ein wenig gedauert, bis ich es durchgeschaut habe. Noch eine Besonderheit – die Autos haben hier nie ein Taxi-Schild (in Perm zumindest). Also es funktioniert so, dass einige Minuten nachdem man das Taxi bestellt hatte, bekommt man eine SMS-Nachricht mit den Angaben zum Auto wie Farbe, Marke und erste Buchstaben des Kontrollschildes. Trotzdem, manchmal ist es verdammt schwierig das Auto zu finden, besonders wenn der Fahrer eben nicht aussteigt und wenn er zum Beispiel an einem anderen Eingang wartet als angegeben..

 

  • die russischen Autofahrer sind sowieso ein Kapitel für sich – wenn hier in Russland etwas wahrhaft gefährlich ist, dann ist das gerade all das, was mit Autos verbunden ist. Nicht nur das eigene Autofahren, sondern auch die Strassenüberquerung. Ich muss sagen, wenn ich in Deutschland im Auto sitze, das durchschnittlich 220 Km/h fährt, bin ich gar nicht so sehr besorgt wie wenn ich eine Fahrt in einem Lada durchmachen muss, der auf den holprigen Strassen Russlands 120 Km/h fährt, der Fahrer versucht durch die engsten Lücken das Auto vor sich zu überholen und sich cool findet, weil er um 50 Km/h die  zulässige Geschwindigkeit überschreitet. Denn was kann ihm schon passieren. Wenn er erwischt wird, ruft er einen Kollegen an, der gute Beziehungen hat, holt ein paar Scheine hervor und schlag ein! Abgemacht! Wenn man zwischen den grossen Städten unterwegs ist, sieht man jedesmal mindestens einen Unfall. Die kleinen Unfälle in der Stadt sind auf der Tagesordnung. Als Fussgänger hat man es auch nicht leicht. Hat man an der Ampel grün, heisst es nicht, dass man bedenkenlos losgehen kann. Die Fahrer beachten das gar nicht, sie wollen noch schnell durch. Bei mir war es vor kurzem seeeehr knapp. Ich habe mit der Stossstange eines Geländewagens einen sehr engen Kontakt aufgenommen;). Der Fahrer hat sich nicht mal entschuldigt!

 

  • lieber ein angenehmeres Thema, Restaurants – was ich bei meinen eher seltenen Restaurant-, Kantinen- und Schnellimbiss-Besuchen gemerkt habe, die Portionen sind klein! Echt klein, von einem Teller wird man normalerweise nicht satt. Man sollte auf jeden Fall zuerst eine Vorspeise nehmen. Und man bekommt kein Brot auf den Tisch. Das Essen kommt gleich, wenn es fertig ist, egal ob die Anderen, mit denen man am Tisch sitzt, danach noch weitere 20 Minuten  warten müssen. Also ein gemeinsames Essen mit Kollegen läuft oft so, dass man zuerst an seinem Getränk nippt, während die Anderen schon am Speisen sind. Und wenn sie fertig sind, warten sie eben bis man sein gerade gebrachtes Mahl verschmaust. Das Geschirr wird sofort weggeräumt, sobald es leer ist. Klar bei den Tellern, aber dass sie auch Gläsern und Tassen abräumen, das stört mich ziemlich. Dann sitzt man einfach am leeren Tisch, das ist nicht schön. Es passiert ruhig, dass man einem Kollegen zuschaut, wie er noch seinen Auflauf verzehrt, während man vor sich am Tisch einfach nichts mehr hat.

 

  • die Intimdistanz scheint hier sehr kurz zu sein. Sehr! Mir ist es ehrlich gesagt unangenehm. Es macht mich einfach nervös, wenn ich am Schalter stehe, wo ich die Miete zahlen soll und die ganze Warteschlange guckt mir über die Schulter. Ein diskreter Abstand, wie es beispielsweise in Apotheken üblich wäre, kennt man hier auch nicht.

 

  • viele Russen (zumindest in Perm) können nicht schwimmen. Ein Schwimmer zu sein ist hier genauso selten wie bei uns (= Mitteleuropa?;) nicht schwimmen können.

 

  • die Zeit wird hier anders empfunden als in Europa, habe ich das Gefühl – ein wenig wie das klischeehafte Zeitwahrnehmung der Spanier. Ich kann nicht behaupten, dass die Russen pünktlich wären. Meistens machen sich alles im letzten Moment. Und oft kann man sich auf den abgesprochenen Termin nicht verlassen. Ein Beispiel aus den vergangenen Tagen: am Mittwoch habe ich mit einer Lehrerin vereinbart, dass ich am Mittwoch in einer Woche eine Präsentation auf English in ihrer Klasse halte. Sie sollte mir am Sonntag die genaue Uhrzeit bestätigen. Am Sonntag Nachmittag schreibt sie: ‚I am writing as I promised. What about tomorrow at 3? Is it possible?‘. Was?! Wir haben doch für den Mittwoch abgemacht!!!

 

  •  zumindest eine Sache haben die Russen mit den Schweizer gemeinsam- sie lieben T-Shirts und andere Kleidungsstücke im heimatlichen Design. Ein T-Shirt mit der Aufschrift ‚RUSSIA‚ ist ein Muss für jeden Russen. Jetzt im Sommer zeigen sich viele in solchen T-Shirts, im Winter sehen alle in ihren RUSSIA-Winterjacken wie eine grosse russische Ski-Mannschaft.

 

  • noch etwas kann man den Russen nicht abstreiten, zwar ihre Vorliebe für unterschiedlichste kulturelle Veranstaltungen – auch die Jugendlichen besuchen oft Theater, sie mögen sogar Oper und Ballet! Wahrscheinlich in jeder grösseren Stadt gibt es ein rundes Zirkusgebäude, genauso wie einen Vergnügungspark. In Perm hat es also mehrere Theater, Museen, Oper & Ballet, Zirkus, viele Galerien und Ausstellungssäle, Planetarium, Jarmarka (eine grosse Ausstellungshalle), Bibliotheken, Synagoge, Moschee, russisch-orthodoxe, evangelische und katholische Kirchen, Orgelsaal, Kinos, Philharmonie, Vergnügungspark.. Ich habe bestimmt noch etwas vergessen.

 

So, ich habe das alles hier als meine subjektiven Eindrücke aufgelistet, ohne zu beurteilen ob es generell negativ oder positiv ist. Klar, das mit dem Autofahren ist nicht sehr angenehm. Aber ich will nicht wieder hören, dass ich alles ständig nur kritisiere und dass ihr den Eindruck habt, das es mir in Russland überhaupt gar nicht gefällt!

 

 

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Wladimir & Susdal

Nach 1000 Jahren melde ich mich wieder! Keinesfalls heisst es, dass es in der Zwischenzeit nichts Erwähnenswertes ereignet hätte. Im Gegenteil! Ich denke schon lange daran, dass ich eigentlich noch von meinem Ausflug in ein baschkir-tatrisches Dorf erzählen soll, wo ich das Frühlingsfest ‚Nouruz‘ gefeiert habe. Oder ein paar Fotos des Ortes hinstellen, wo die Flüsse Kama und Tschussowaja zusammenfliessen. Oder für die Schönheit St. Petersburgs schwärmen. Und von meiner spannenden Reise nach Jekaterinburg berichten!

Neue Abenteuer stehen bevor, also fange ich mal an alles nachzuholen. Und ich beginne damit, was auf der oben aufgezählten Liste fehlt – mit dem Besuch von Wladimir & Susdal.

Warum bin ich Richtung Moskau gereist? Ich hatte das Glück, dass unser zweites Seminar für europäische Freiwillige nicht wieder in Rostow Weliki stattgefunden hat, wo wir alle schon mindestens einmal waren, sondern haben die Organisatoren eine neue schöne Örtlichkeit ausgesucht – die Stadt an der Kljasma, nämlich Wladimir.

Schon am Bahnhof in Perm hat mich eine Überraschung erwartet. Matthias, ein Freiwilliger aus Deutschland, der momentan in Ufa (die Hauptstadt der Republik Baschkortostan) tätig ist, ist mit mir im selben Wagon gereist! Wir haben uns erst am Bahnhof kennen gelernt, zwar durch eine gemeinsame Kollegin, die eben den Matthias zum Zug begleitet hat. Was für ein Zufall 🙂

Die Zugfahrt von Perm nach Wladimir dauert +- 17 Stunden. Weil wir schon einige Tage vor dem Seminar-Anfang gereist sind, ist Matthias weiter nach Moskau (weitere 2,5 Stunden) zu Kollegen gefahren und ich bin Wladimir ausgestiegen um mir die Stadt in Ruhe anzuschauen und um auch noch Susdal zu besichtigen.

Schon im Voraus muss ich sagen, dass Wladimir und Susdal die schönsten Orte sind die ich bisher in Russland besucht habe, was die wirkliche ‚touristische Schönheit‘ angeht.

Wladimir ist eine Stadt mit knapp 350000 Einwohnern und liegt nur 190 km östlich von Moskau. Wladimir und Susdal gehören zu dem Goldenen Ring der altrussischen Städte und man merkt, dass die Wirtschaft der beider Orte zum grossen Teil auf den Tourismus ausgerichtet ist. Wladimir ist die Hauptstadt der Oblast (Gebiet) Wladimir, also findet man auch dort ‚Schlafstädte‘ mit unansehnlichen Hochhäusern, aber das Zentrum blieb verschont.

Die Geschichte Wladimirs ist lang und reich an Wenden, ist verbunden mit dem russischen Nationalhelden Alexander Newski, mit den mongolisch-tatarischen Eroberern oder der Bedeutsamkeit als Hauptstadt der Rus und als vorübergehender Sitz des Metropoliten der Russisch-Orthodoxen Kirche.

In Wladimir hat es unter anderem 2 staatliche Universitäten, ein Goldenes Tor, ein McDonald’s-Restaurant, einen Finger des Alexander Newski, eine Brücke über die Kljazma oder echt atemberaubende Hammer-Sichel-Deko in der Traktornaya-Strasse..

Also ernsthaft, die ‚Weissen Monumente von Wladimir und Susdal‘ aus dem 12. und 13. Jh. gehören seit 1992 zu der UNESCO-Welterbe. In Wladimir sind es namentlich:

  • das Goldene Tor – eine alte Stadttor aus dem Jahr 1164; dort beginnt, die Stadt einwärts natürlich, die älteste Strasse Wladimirs, die jetzt die ‚Grosse Moskauer Strasse‘ heisst
  • die Uspenski-Kathedrale – das Wertvollste sind die Fresken von Andrej Rubljow, die so schön sind, dass die Kathedrale nicht den Kommunisten zum Opfer gefallen ist und es gab dort während der Sowjetzeiten keine Turnhalle oder kein Getreidelager, sondern haben sie dort ein Atheismus-Museum errichtet. Und eben in dieser Kathedrale befindet sich der kleine Finger des heiligen Alexander Newski
  • die Demetrius-Kirche – die Besonderheit sind die rund 600 Reliefe aus weissem Stein, die neben Heiligen auch mythische Tiere darstellen

Das sind natürlich von weitem nicht alle Sehenswürdigkeiten. Viele andere sind noch zum Beispiel am Kathedralenplatz zu finden. Es ist wirklich angenehm durch die Strassen zu bummeln, überall trifft man eine Kirche oder ein Kloster an, es gibt ein paar kleine Grünanlagen. Die schönste Aussicht hat man von der Plattform in der Nähe von der Uspenski-Kathedrale, wo auch ein Denkmal für den angeblichen Gründer der Stadt, den Herrscher von Kiew Wladimir I. Swjatoslawitsch steht. Bei der Stadtführung wurde uns erzählt, dass im Gegensatz zu vielen anderen Städten der Sowjetunion, die nach einem Heiligen benannt wurden, hat Wladimir keinen neuen Namen bekommen, wahrscheinlich aus dem Grund, dass Lenins Vorname auch Wladimir war.

Einige interessante Museen gibt es. Das eine, was sogar für nicht so grosse Museum-Fans bestimmt wäre, befindet sich im ehemaligen Wasserturm und zeigt die Geschichte des alten Wladimirs (Eintritt 50 Rubel). Zu sehen sind dort neben alten Fotos und Stadtplänen auch häusliche Einrichtungen und viele originelle Gegenstände wie Briefe oder Kleidungsstücke. Ich bin vor allem wegen der Aussichtsplattform im obersten Stockwerk hingegangen! Und ein grosses Gebäude zwischen der Demetrius-Kirche und der Uspenski-Kathedrale, das ehemalige Staatsamtsgebäude, beherbergt das Kultur- und Bildungszentrum Wladimir.

Wie geschrieben, habe ich einen Tag in Susdal verbracht, einer Kleinstadt etwa 30 Km von Wladimir, die am Fluss Kamenka liegt. Mit dem Bus bin ich hingefahren, 72 Rubel (1,55 Euro) kostet das Billett in eine Richtung.

Suzdal

Die ganze Stadt ist wie ein grosses Museum. Einen historischen Schatz gibt es buchstäblich an jeder Ecke! Nur Kirchen, Klöster, Alleen, hölzerne Häuschen und Natur so weit das Auge reicht. Susdal war dank dem Gründer der Stadt Moskau Juri Dolgoruki sogar das Zentrum des Fürstentums Wladimir-Susdal, bis sein Sohn Andrej Bogolubskij nach Wladimir übersiedelte.

Es wäre eine ziemlich lange Liste, wenn ich hier all die bedeutenden Bauwerke zusammenschreiben würde. Der Susdaler Kreml, das Erlöser-Euphemius-Kloster (Eintritt aufs Gelände 70 Rubel), noch 4 andere Klöster hat es, zahlreiche Kirchen, auf dem Marktplatz und entlang des Weges zum Kreml steht eine Menge von Ständen mit Souvenirs und anderem Krimskrams oder auch mit Medowucha, einem alkoholhaltigen Honig-Getränk, dessen Heimatstadt gerade Susdal ist.

Was mir in Susdal am besten gefallen hat und wovon ich echt begeistert bin, ist das Freilichtmuseum für Holzbaukunst. Und die Dame an der Kasse war so sehr lieb, dass sie mir eine reduzierte Eintrittskarte verkaufte, also habe ich 80 (1,7 Euro) anstatt von 200 Rubel (4,3 Euro) bezahlt! Holzkirchen, Windmühlen, Scheunen und Bauernhäuser, wo alles so eingerichtet ist, dass man sich ganz genau das Bauernleben vor 150 Jahren vorstellen kann.

In den 7 Stunden meines Aufenthalts in Susdal habe ich viel gesehen, doch alles habe ich nicht geschafft! Die Stadt ist nicht gross, aber gegen Abend war ich vom Laufen so müde, dass ich mich entschieden habe, schon um 18 Uhr nach Wladimir zurück zu fahren. Die Busse fahren manchmal 2mal pro Stunde, aber manchmal nur einmal und ich wollte nicht noch eine Stunde auf den nächsten Bus warten.

Am nächsten Tag hat unser Seminar begonnen und wir konnten uns neben der Begegnung mit neuen und alten Freunden aus 8 europäischen Ländern auf 4 Tage in einem staatlich betriebenen, aus Sowjetzeiten erhaltenen 2-Stern-Hotel freuen.

——————————————————————————————————————————————— alle Bilder von Wladimir & Susdal

https://picasaweb.google.com/tracheida/WladimirSuzdal                                        ——————————————————————————————————————————————


Kungur

Kungur – eines der touristischen Hauptziele in der Region Perm könnte man sagen. Es ist eine nette Kleinstadt am Fluss Sylwa , vor allem wegen der Eishöhle bekannt. Von Perm nach Kungur sind es 90 km in den Süden. Im Sommer findet hier das alljährliche Kungur Heissluftballon-Festival statt.

Die Höhle war schon interessant, ich habe nur mehr Eisformationen erwartet. Zwei Stunden dauerte die Führung und es hat 700 Rub gekostet. Nicht so ganz billig! Aber die Führung auf Englisch hätte noch mehr gekostet (aber ich bin trotzdem mit der Englisch-Gruppe mitgegangen:).

Die Stadt ist wirklich nicht sehr gross, auch wenn man es wirklich gemütlich nimmt, hat man das Wesentliche in weniger als 2 Stunden gesehen. Es war eine angenehme Abwechslung zu Perm, wo es überall hohe graue sozialistische Gebäude hat. Ein wenig grotesk wirkt die Gefängnisanlage gleich neben einer orthodoxe Kirche platziert.

Nicht sehr weit von Kungur befindet sich das Belogorski-Kloster, sehr sehenswert sagen hier alle. Also das nächste Mal, im Sommer vielleicht..


Buddhismus zwischen Europa & Asien

Meine ‚Expedition‘ zum buddhistischen Kloster würde ich als Höhepunkt meines bisherigen Aufenthalts bezeichnen. Doch es war nicht so einfach und als ich Freitag Abend durch den dunklen Wald taumelte, war mein einziger Gedanke: warum habe ich mir das bloss angetan!?

Das Kloster befindet sich auf einem Hügel nicht weit von der Stadt Katschkanar (Качканар). Katschkanar liegt schon ausserhalb der Region Perm, zwar in der Oblast (‚Gebiet‘) Swerdlowsk (deren Hauptstadt ist Jekaterinburg) und damit schon in dem asiatischen Teil Russlands. Meine erste Reise nach Asien (auch wenn nur wenige Kilometer hinter die Grenze:)!

Russland & Buddhismus – Russland ist immerhin ein Vielvölkerstaat und Religionen wie Islam oder Buddhismus sind mit dem Land genauso fest verbunden wie die russisch-orthodoxe Kirche, auch wenn der Anteil der Angehörigen zu den ersten zwei Glauben viel geringer ist.

Buddhismus ist im Gebiet nähe der mongolischen  Grenze und östlich des Baikal verbreitet, also in der Republik Tuwa und in Burjatien. Im europäischen Teil Russlands bekennen sich die Kalmücken zum Buddhismus, ein mongolisches Volk, das in der Republik Kalmückien lebt (die Republik reicht zum Kaspischen Meer; die Hauptstadt ist Элиста – Elista).

Ich habe wirklich zufällig erfahren, dass es im Ural ein buddhistisches Kloster gibt. Es scheint nicht allgemein bekannt zu sein. Durch eine Frau aus Jekaterinburg habe ich eben zu Ohren bekommen, dass es im Kloster am 8. Februar ein Mond-Neujahrsfest hat.

Diese Jekaterinburgerin hat mich mit Nastja (= Anastassia) in Verbindung gesetzt, einer sehr netten Medizinstudentin aus Perm, die auch vorhatte das Kloster zu besuchen. Ein Glücksfall für mich, denn Nastja war nicht nur eine tolle Reisepartnerin, sondern hat sie mich auch wirklich gerettet, indem sie sehr gut ausgerüstet war, den Weg gefunden hat, in jeder Situation wusste, was wir tun sollen (z. B. als wir uns in der Dunkelheit verlaufen haben) und mich einfach durch ihre Tapferkeit psychisch unterstützt hat als wir zu dem Kloster stiegen.

Ich hatte so ziemlich keine Ahnung, was mich erwartet und wie ich mir das ganze Wochenende vorstellen soll. Plus meine abklingende Grippe und Schnupfen waren der Grund meiner Zögerung hinzugehen. Als ich aber am Donnerstag Nachmittag erfahren habe, dass ich nicht alleine ginge (wäre ich alleine gegangen, hätte ich den Weg wohl nie gefunden, das weiss jetzt sicher), sondern mit Nastja, habe ich nach unserem regelmässigen Donnerstagabend-Treffen im Büro noch schnell etwas zu essen besorgt, den Rucksack gepackt und den Akku meiner Kamera aufgeladen.

Es gibt täglich zwei Busse von Perm nach Katschkanar, wir haben den zweiten genommen, also erst am Mittag. Der Busbahnhof in Perm liegt gleich neben dem Zentralmarkt, also hatte ich noch Zeit dort конфеты (Konfekte) zu kaufen (eine Opfergabe) und gelernt daraus, dass es keine gute Idee ist, längere Zeit bei -20°C ohne Handschuhe zu bleiben, habe ich mir bei einer Babuschka auf dem Markt Wollhandschuhe angeschafft (ob sie wirklich aus Wolle sind?).

Dann traf ich Nastja, gleich ist mir aufgefallen, dass sie Walenki trägt. Ich denke, die traditionellen russischen Filz-Stiefel kennt jeder. Ich habe auch schon von meinem ersten Ausprobieren der Walenki bei Jurij geschrieben. Ich muss bestätigen, dass sie auch bei Temperaturen unter -20°C wunderbar warm halten. Weil sie aber keine Sohle haben, war ich ein wenig misstrauisch, dass man die Walenki wirklich auch als Wanderschuhe brauchen kann.  Aber sie haben sich bestens bewährt und auch alle auf dem Berg haben nur Walenki getragen.

Die Billets haben knapp 600 RUB gekostet. Die Fahrt dauerte 6 Stunden, auch wenn die Entfernung Perm – Katschkanar gar nicht so gross ist, 270 km über Tschussowoi und Gornosawodsk. Die russischen Strassen, die Pausen und das von der Polizei angehalten werden verlängern natürlich die Fahrzeit. Das Dörfli auf den Fotos unten heisst Промысла (Promysla) und liegt ungefähr 10 Minuten von der Grenze Europa – Asien entfernt.

Asien! Ich habe gehört, es gibt insgesamt zehn Monumente an der europäisch-asiatischen Grenze im Verlauf des Uralgebirges gelegen an den Haupstrassen. Eins liegt zum Beispiel an der Fernstrasse Perm – Jekaterinburg, 40 km von der viertgrössten russischen Stadt entfernt.

Während der Fahrt haben wir uns mit einem russischen Paar angefreundet. Ehrlich gesagt, war ich echt misstrauisch als der Mann, Alexandr, zu mir kam und mir seine Fotos zeigen wollte. Aber dann kamen wir doch noch ins Gespräch, er hat die ganze Zeit Fotos der Landschaft hinter der Glasscheibe gemacht und mir von seiner Heimatstadt, der Natur dort, vom Fotografieren erzählt und mir eben Fotos gezeigt. Ich dachte, zwar redet er ein wenig zu viel, aber er ist schon nett.

Gegen 18 Uhr kamen wir in Katschkanar an und der eigene spannende Teil unserer Reise konnte beginnen. Die erste Frage – wie kommen wir zum ‚западный карьер‘ – Tagebau im westlichen Teil der Stadt. Katschkanar ist nämlich eine typische sowjetische Siedlung, die im Zweck von Abbau der Vanadium- und Eisenerze Ende der 50er Jahre entstand.

Also Zeit für eine Besichtigungstour mussten wir nicht einplanen. Glück haben wir gehabt, der Mann, den wir am Bahnhof nach dem Bus zum ‚westlichen Tagebau‘ gefragt haben, ist nach vielleicht 20 Minuten zurück gekehrt, hat das Auto abgeholt und uns bis zur Grenze des Tagebaugebiets gebracht. Das Problem – als wir schon vorm ‚шлагбаум‘  (wird schlagbaum gelesen und bedeutet ‚Schlagbaum‘:)* standen, wurde uns gesagt, dass der Weg von nicht-Angestellten nicht benutz werden darf. Der Wächter hat auch nicht ausgeschaut, dass man mit ihm irgendwie hätte verhandeln können, keine Chance.

* es ist immer wieder lustig, wenn ich im Russischen plötzlich ein deutsches Wort höre – ein paar weitere Bespiele: штрих-код (Strichcode), ландшафт (Landschaft), масштаб (Massstab), бутерброд (Butterbrot), фейерверк (Feuerwerk).. Es gibt wirklich sehr viele!

Was tun? Einfach die Wache durch den Wald herumgehen! Ehrlich gesagt, war es gar nicht angenehm – erstens, es gab natürlich keinen Pfad in dem Wald, dafür Schnee bis zu den Knien; zweitens, es war echt erschöpfend durch den Schnee zu laufen und mit dem grossen Rucksack verschiedene Hindernisse wie gefallene Bäume zu überwinden; drittens, ich habe stets Wächter mit ihren Hunden vor uns gesehen, die mir den Reisepass aus der Hand reisen würden und ich anschliessend aus Russland ausgewiesen würde (was noch eine eher harmlose Bestrafung wäre).

Aber gut, nach einer halben Stunden kamen wir unbeobachtet auf einen Weg, auf dem wir weiter gelaufen sind. (Nach einer für mich sehr notwendigen Verschnaufpause, denn ich war schon nach diesem 30-minütigen Marsch physisch und psychisch erledigt). Und die 8 Km bergauf waren noch vor uns!

Vor der Reise war meine grösste Sorge die Kälte. Es war immerhin unter -20°C und wir sind auch erst am Abend losmarschiert, gegen 19 Uhr, also war es schon ziemlich dunkel dazu. Die Kälte war aber gar kein Problem, denn wenn man so viel Energie ausgibt um auf einen Berg zu steigen, wird es einem fast zu heiss!

Was soll ich erzählen, es war verdammt schwierig für mich. Im Nachhinein scheint es natürlich nicht so schlimm gewesen zu sein, aber ich erinnere mich noch sehr gut an das Gefühl der Verzweiflung, denn nach einer Stunde ist das Weiterlaufen echt anstrengend geworden und wir haben uns in der Dunkelheit ein wenig verlaufen. Zumindest haben wir den riesengrossen beleuchteten Tagebau von oben gesehen. Leider habe ich kein Bild davon, meine Kamera hat wegen der Kälte gestreikt (wie später auch noch und der Akku war sehr schnell leer). Sowieso hatte ich während der Wanderung keine Kraft mehr um gar die Kamera aus der Tasche zu holen und noch viel weniger um Fotos zu machen.

Der Weg schien endlos, ich wusste gar nicht wo das Ende des Marsches liegt oder wie lange wir noch laufen müssen und das war auch psychisch anstrengend für mich. Nichts als dunkler Wald, Schnee und ein schmaler Pfad, der sich bin in die unendliche Dunkelheit schlingelt. Irgendwann war ich am Ende mit meinen Kräften. Ich dachte, ich kann nicht weiter, ich bleibe am Rande des Walds sitzen, komme was wolle (entweder die Erfrierung oder die Wölfe)!

Aber genau in diesem schwierigen Moment (als ich mich noch mit einem Nussriegel stärken wollte bevor ich entdeckt hatte, dass alle Lebensmittel und auch das Wasser gefroren waren) kam uns der Sergey mit Hunden und Schlitten entgegen. Im Kloster wussten sie ja, dass wir unterwegs zu ihnen sind und wir haben abgemacht, dass wenn wir bis eine bestimmte Uhrzeit nicht ankommen, gehen sie uns suchen. Das hat mich wirklich gerettet, den die lieben Hunde haben unsere Rucksäcke auf dem Schlitten gezogen.

Nach nochmals 1,5 Stunden im zügigen Tempo kam die Erlösung! Endlich angekommen!!! Es hat mich gewundert, dass ich überhaupt noch Kräfte gefunden habe um wach zu bleiben. Wir sassen relativ lange in der Küche, tranken heissen Tee (1 Liter mindestens:) und haben mit den Bewohnern des Klosters und ihren Gästen geredet (insgesamt waren wir 14 Personen). Wir 4 Mädchen haben dann in der Küche auf dem Boden geschlafen, die Jungs im ‚Gemeinschaftsraum‘ (wie soll ich es nennen?) mit dem Altar. Um 8 Uhr am nächsten Morgen – aufstehen!

Wie geschrieben, das Kloster Schad Tschup Ling – offiziell ‚Уральский буддийский монастырь Шад Тчуп Линг‚ (wörtlich übersetzt ‚Uralisches buddhistisches Kloster Schan Tschup Ling) liegt auf dem knapp 880 Meter hohen Berg Katschkanar. Seit 1995 wird es vom Lama, den Mönchen und anderen Freiwilligen errichtet, wobei in den ersten Jahren hat der Lama alleine die Fundamente gebaut. Wann die ganze Anlage fertig gebaut wird, weiss niemand. Aber wie der Lama sagt, das Resultat ist nicht wichtig, viel wichtiger ist das Prozess.

Es kann jedoch sein, dass das Kloster der Bergbaufirmen zum Opfer fällt. Die Lage des Klosters scheint sehr ungünstig zu sein, es ist ja von mehreren Tagebauen umgeben. Was ich noch gelesen habe, besitzt das Kloster keine Baugenehmigung. 

Wer Mönche wie in Tibet erwartet, wird enttäuscht (wie ich:)). Ich will niemanden beurteilen, auf jeden Fall war die Belegenschaft sehr speziell und jede der 8 Personen, die im Moment im Kloster leben, auf ihre Weise eigenartig. Als wir das Haus betraten und ich drei der Bewohner sah, dachte ich: aha, es leben hier neben den Mönchen auch ein paar ‚gewöhnliche‘ Menschen. Ich habe echt damit gerechnet, dass ich in dem Kloster Mönche in ihrem traditionellen Gewand antreffen werde. Später habe ich erfahren, es dort um den ‚мирской, немонашеский буддизм‘ – wörtlich übersetzt ‚weltlichen nicht-mönchischen Buddhismus‘ geht (was auch immer das heissen mag).

Vor allem der Boss war eine schwierige Person für mich. Ständig raucht er (und ist ihm egal, dass in den Räumen geschlafen wird oder dass es auch sonst andere stören könnte), wenn er Tee will, hält er einfach die Tasse hin und ohne etwas zu sagen wartet drauf, dass jemand aufspringt und ihm Tee einschenkt, niemals bedankt er sich. Und alle Mönche verneigen sich vor ihm, wenn er den Raum betritt. Doch das, was er sagt, war mir noch weniger sympatisch. So hätte ich mir einen buddhistischen Lama nicht vorgestellt. 

In den 80ern war er mehrere Jahre als Soldat der Sowjetarmee in Afghanistan in einer Kommandotruppe im Einsatz, danach hat er im Leichenhaus und in der Pathologie gearbeitet und schliesslich ist er nach Burjatien und in die Mongolei gereist, wo er während 6 Jahren die buddhistische Ausbildung erworben hat (er besitzt auch landwirtschaftliche und künstlerische Ausbildungen). Danach wollte er in die Mongolei umziehen, sein Lehrer hat ihn jedoch mit der Aufgabe beauftragt, ein buddhistisches Kloster zu bauen. Und zwar in Russland im Ural auf dem Berg Katschkanar, denn im Westen Russlands gibt es einen buddhistischen Tempel in St. Petersburg, im Osten Tempel in Burjatien, aber es gibt keine dazwischen.

Also hat der Lama den Berg gefunden und am 16. Mai 1995 den Grundstein gelegt. 1998 ergriff leider ein Brand den Bau. Wenn man oben auf dem Berg steht, muss man zugeben, es ist schon bewundernswert, was sie alles geschafft haben, wenn man die Abgelegenheit und schlechte Zugänglichkeit bedenkt!

Er mag ein vielseitiger Mensch sein, aber seine Art macht es echt schwierig, ihn zu verstehen und seine Geschichte zu begreifen. Er redet ständig in Ironie und Andeutungen. Er will wohl nicht verstanden werden und noch dazu provoziert er sehr gerne. Ehrlich gesagt von seinen Witzen über Europa* hatte ich schon die Nase voll. Meint er das ernst, oder lacht er mich einfach aus?! Auf jeden Fall unterscheiden sich unsere Weltanschauungen erheblich. Auf der anderen Seite bezeichnen ihn Andere wiederum als einen hervorragenden Lehrer..

*was ich bisher beobachtet habe, wird mit ‚Europa‘ in Russland  nicht der Kontinent gemeint (wozu geographisch auch Russland zu 25% gehört), sondern alle Länder westlich der Grenze der ehemaligen Sowjetunion. Ich hoffe nur, dass zumindest die baltischen Staaten schon als Europa angesehen werden. 

Die Bedingungen im Kloster sind ganz primitiv. Es gibt kein fliessendes Wasser und im Winter werden nur zwei kleine Räume geheizt. Im Sommer benutzt man Regenwasser, im Winter lässt man Eis schmelzen. Waschen tut man sich einmal (oder zweimal:) in der Woche, wenn die Banja angeheizt wird. Strom hat man auch nicht immer und überall, es gibt nur einen Benzin-Generator. Es werden Tiere gehalten – Hunde, die mit dem Transportieren von Sachen von unteren Abschnitten des Berges helfen, es hat Hühner, Ziegen und sogar eine Kuh. Lebensmittel und alles andere muss man entweder in der Stadt Katschkanar holen, oder aber vieles bringen die Besucher mit.

Im Sommer baut man weiter, im Winter ist man mit Holz zum Heizen beschäftigt, man schaut zu den Tieren, man muss das Wasser holen, man kocht.. Die Leute, die dort leben, haben wirklich immer etwas zu tun! Besucher kommen im Sommer fast täglich, im Winter vor allem am Wochenende. Manche bleiben über Nacht, manche trinken einen Becher Tee, reden ein wenig mit dem Lama und gehen ‚in die Zivilisation‘ zurück.

Also am Samstag haben wir das chinesische Neujahr gefeiert. Schon vom Morgen an liefen die Vorbereitungen, viele Gäste waren erwartet. Nach dem Frühstück (es gab eine Hirsebrei) haben wir, vier Mädchen, Kraxen genommen und dann aus einer ungefähr 200 Meter entfernter Stelle unterhalb des Klosters Holzklötze transportiert. Anstrengend wenn man mit der Last wieder bergauf steigt!

Die Gäste trafen langsam ein, insgesamt über 50 Personen aus Jekaterinburg, Perm, Nischni Tagil, Katschkanar und Lesnoi. Das Fest konnte beginnen. Den Nachmittag haben wir vorwiegend draussen verbracht, aber abwechselnd gingen wir uns in die Küche aufwärmen, denn es war echt kalt! Es gab eine kleine Exkursion durch das Kloster, es wurde uns von den Eigenschaften der 12 Tiere des chinesischen Tierkreiszeichen erzählt, natürlich auch einiges über Buddhismus gesagt, wir haben eine Tee-Pause mit Keksen und Schokolade im grossen Speiseraum angelegt, der im Sommer fertiggebaut werden soll. Und wir haben ein paar lustige Spiele gespielt und am Schluss wurde Feuer gemacht und wir haben Stücke Teig verbrannt, mit denen wir uns symbolisch gereinigt haben- dadurch hat es alles unsaubere angenommen und musste eben verbrannt werden. Das Wetter war zwar frostig, aber klar und sonnig und wir haben versucht andere Gipfel des nördlichen Urals zu benennen.

Nach dem Abendessen (der Platz wurde sehr knapp für so viele Personen!), haben wir vom Lama und seiner Ehefrau noch mehr über Buddhismus erfahren und danach gab es eine Meditation-Session. Irgendwann nach Mitternacht haben wir geschaut, wo wir alle Platz zum Schlafen finden. Eine Gruppe musste sogar in der Banja übernachten. Ich konnte im Altarraum nächtigen (mit ungefähr 15 anderen Personen). Wichtig – man darf nicht mit den Füssen zum Altar schlafen.

Am nächsten Morgen war alles ein wenig chaotisch, immerhin ein paar Dutzend Leute schlafen dort nicht jede Nacht. Wir sind erst um 9 Uhr aufgestanden, haben unsere Sachen gepackt, noch einige Fotos geknipst. Nach dem Frühstück haben wir uns von allen verabschiedet und uns auf den Weg hinunter begeben. Wir sind zu dritt gelaufen – noch die Olga ging mit uns, eine sehr nette und interessante St. Petersburgerin (und Veganerin), die sich kurzfristig entschieden hat, mit dem Zug von Jekaterinburg nach Minsk zu fahren.

Es war deutlich einfacher bergab zu laufen! Wir haben uns jedoch verirrt und sind nicht beim Tagebau gelandet, von wo aus wir am Freitag gestartet sind, sondern wir kamen in das Dorf Косья (Kosya), das auf der Nordseite des Berges liegt. An sich nicht so schlimm, wir hatten noch genug Zeit bis zur Abfahrt des Busses von Katschkanar. Das Problem – wie kommen wir in die Stadt, die 20 Km weit liegt, wenn es keinen Bus hat, der Vekehr auf der Hauptstrasse gleicht null und noch hat keine von uns Netzsignal, um ein Taxi rufen zu können.

Zum Glück ist ein Junge an uns vorbei gelaufen, den wir um Hilfe baten. Er war so nett, dass er für uns ‚ein Taxi‘ organisiert hat, für 600 Rubel hat uns ein Mann mit seinem Lada 1500 bis zum Bahnhof in Katschkanar gefahren. Die restliche Zeit haben wir uns mit Plaudern in dem Bahnhofsbuffet vetrieben.

Der Bus nach Perm war voll, wir mussten stehen. Und als wir uns dort alle angereiht haben, habe ich unsere Bekannten gesehen. Sie sassen genau neben uns! Der Alexandr war schon am Bier trinken (obwohl es verboten ist im Bus) und hat sofort angefangen uns alles mögliche zu erzählen, inklusive Gedichte und seiner Weisheiten. Es war wirklich schon zu viel, er hat ununterbrochen geredet, man konnte ihm gar nicht widersprechen oder ihm sagen, dass man gar nicht daran interessiert ist, was er erzählt. Und seine Frau hat nur gelächelt und hat bestimmt gedacht, wie toll, gescheit und scharfsinnig ihr Mann ist. Meine Güte, so will ich echt nicht enden! Zum Glück sind einige Leute ausgestiegen und wir kamen mehr nach hinten, also musste der Alexandr ein anderes Opfer finden.

So und das war’s langsam, gegen 21 Uhr kamen wir nach Perm. Zu Hause habe ich meinen Rucksack ausgepackt und festgestellt, dass ausser des Schlafsackes habe ich eigentlich nichts anderes gebraucht, also hätte das Gewicht des Rucksackes mindestens um die Hälfte niedriger sein können.

Viel Spass beim Fotos schauen. Und bitte, erinnert mich das nächste Mal daran, dass ich solche lange Artikel und die ganzen Details vermeiden soll!

Noch ein paar andere Bilder – hier.


Banja und andere Angelegenheiten des russischen Alltags

Auch 2014 gibt es keine Fahrpläne in Perm, dafür ärgerliche Staus jeden Morgen und jeden Abend, von den fünf Glühbirnen des Lusters in meinem Zimmer funktionieren nur noch zwei, ein Mitbewohner ist ausgezogen und zwei neue sind eingezogen, ein Liter Trinkwasser im Wasserkiosk ist um einen Rubel teuer geworden, von den anfänglichen ‚wow, -20°C, so kalt!‘ sind wir zu ‚toll, heute angenehme -20°C‘ übergegangen (obwohl inden letzten Tagen war es bei Temperaturen zwischen -4 und -10°C schon fast frühlingshaft, am Wochenende soll es jedoch wieder richtig frostig werden) .

Trotz der vielen Probleme und Unklarheiten betreffend die Zusammenarbeit mit unserer Gastorganisation, gab es einige sehr erfreuliche und spannende Momente und Veranstaltungen, die wir sehr genossen haben.

Eine solche Angelegenheit war unser erste Banja-Besuch. Bevor ich nach Russland kam, war es mir gar nicht bewusst, dass man in Russland eine ‚Banja‘ hat und dass diese Sauna nach russischer Art so beliebt ist! Aber schon in den ersten Wochen nach meiner Ankunft in Perm war eine der zwei häufigsten Fragen die Erkundung danach, ob ich denn schon in der Banja war (die zweite war natürlich ob ich schon den russischen Wodka gekostet habe).

Vor drei Wochen war es so weit, wir wurden in ein Dorf nicht weit von Perm eingeladen, wo wir die Hitze einer privaten Banja auf uns wirken lassen konnten. In den Dörfern ist es ein geläufiger Brauch, eine Banja neben dem Haus (ggf. auch direkt im Haus) zu bauen. Wir haben gehört, dass man sogar zuerst die Banja baut und danach das Haus, denn so kann man in der Banja wohnen bevor das Haus fertig gebaut wird.

Unser Gastgeber, der Jurij, ist ein Künstler, der in der Stadt mehrere Wohnungen vermietet und dafür ruhig auf dem Lande leben und seine Zeit mit dem Malen verbringen kann (oder mit Ferien in Thailand, wie es gerade im Moment der Fall ist).

Es schein überhaupt ziemlich populär zu sein, in der Immobilienbranche zu arbeiten – entweder besitzt man ein paar Wohnungen, die man vermietet, oder man ist ‚риелтор‘ (Rieltor) – ein Immobilienmakler, was hier praktisch jeder sein kann. Der ‚Rieltor‘ verdient für jede Vermittlung die  Hälfte der Monatsmiete. Das haben wir in den letzten Wochen gelernt, in unserer schwierigen Wohnsituation. Uns ist es nicht ganz klar, warum man solche Dienste aufsuchen und jemandem die Hälfte der Miete bezahlen soll, wenn alle Angebote sowieso auf allgemein bekannte Internetseiten gestellt werden, wo man es selber schauen kann und noch dazu tut der Rieltor nichts anderes als, dass er den Vertrag zwischen dem Vermieter und den Mietern vorbereitet.

Und ja die zweite Sache ist auch sehr populär, die Russen mögen Ferien in Asien (klar, der Winter in Südostasien ist schon ein wenig angenehmer als der russische Frost).  Vor allem Thailand, Vietnam, Indien sind beliebt, manche Orte in Asien werden direkt von Perm aus angeflogen.

Zurück in die Banja – es wer einfach fabelhaft. Wir sind zuerst ein wenig im Wald spazieren gegangen bevor die Banja die richtige Temperatur erreichte. In der Banja kann es zwischen 70 und über 100°C heiss sein, je nach dem was man bevorzugt. Ich habe gehört in den öffentlichen Banjas, wo man die Temperatur nicht selber regulieren kann, sitzt man stufenweise – auf der untersten Stufe ist es am heissesten (oder eben am kältesten?)..

Unser Gastgeber hat sich richtig Mühe gegeben. Er hat speziell für uns tschechische und kroatische Musik gespielt, er hat auch etwas in unseren Sprachen gelernt, leckeres Essen aufgetischt, Mors, Bier und thailändischen Chlorophyl-Tee serviert.

Einige Wörter, die man kennen muss im Zusammenhang mit der ‚баня‚ (Banja):

  • веник (Wenik) – Birkenrute, mit der man sich in der Banja abschlägt, was die Blutzirkulation anregen soll
  • парилка (Parilka) – die Schwitzstube
  • предбанник (Predbannik) – der Raum vor der ‚Parilka‘ wo man sich ausruht, etwas essen und trinken kann
  • париться (parit‘ sja)- in der Banja ordentlich schwitzen und sich mit dem Wenik abschlagen
  • Банник (Bannik) – ein Wesen aus der slawischen Mythologie, das in der Banja lebt. Es gibt noch viele andere slawische Wesen und Dämonen, die man auf Bildern in vielen russischen Haushalten findet. Ich denke, die Russen sind überhaupt ziemlich abergläubisch
  • угореть (ugoret‘) – ‚vom Kohlendunst Kopfschmerzen bekommen‘ steht im Wörterbuch, aber aus eigener Erfahrung sage ich, dass es viel schlimmer sein kann als ’nur‘ Kopfschmerzen. Vor ein paar Tagen war ich wieder in der Banja und ich denke das war auch das letzte Mal für mich! Mir ist total schwindlig geworden, so dass ich umgefallen bin und eine Zeit lang wie bewusstlos sass und mir schien, ich bin mehrere Stunden einfach so dagesessen, obwohl es in Wirklichkeit nur 20 Minuten waren. 

In dem Banja-Häuschen gab es normalerweise zwei Räume – Predbannik und Parilka, aber ‚luxuriösere‘ Banjas können auch 3 Räume haben: die eigene Banja, wo man sitzt und schwitzt, dann den Predbannik und dazwischen so etwas wie einen Waschraum, wo Kübel mit kaltem Wasser stehen und auch Weniki im Wasser liegen und eingeweicht werden. Wenn es keinen speziellen Waschraum hat, wäscht man sich in der Parilka. Das Wasser fliesst zwischen den Bodendielen der Banja ab.

Der Ofen ist mit allen drei Räumen verbunden – im Predbannik kann man Holz nachlegen, im Waschraum wird heisses Wasser gezapft und in der Banja wird Wasser auf die heissen Steine gegossen, oft mit verschiedenen Duftölen wie Minze, Eukalyptus oder Kiefer, oder man kann auch Bier ins Aufgusswasser beimischen. Im Unterschied zu Sauna ist die Luftfeuchtigkeit sehr hoch.

Und man sitzt und schwitzt und dann geht man in den Predbannik und mann sitzt, plaudert, isst und trinkt und dann geht man wieder schwitzten und dann rennt man nach draussen in den Schnee oder man taucht in einen Brunnen ein oder im Sommer schüttet man einfach kaltes Wasser über sich oder badet im Fluss und danach wiederholt sich alles, drei oder vier Stunden lang.

Und sonst – was habe ich noch gemacht. Ich war Eishockey schauen, 300 RUB hat das Ticket gekostet. Die Permer Mannsachaft Molot-Prikamje spielt in in der zweithöchsten russischen Spielklasse (Высшая хоккейная лига = Oberste Hockey-Liga). Ich habe mir den Match gegen Neftjanik Almetjewsk angesehen. Und Perm hat verloren. Ich meine, Eishockey schaue ich praktisch nie, im Stadion habe ich es nur einmal in meinem Leben geschaut und zwar in Pardubice. Aber ich dachte warum eigentlich nicht :).

In Tschechien ist Eishockey natürlich sehr populär und zum Beispiel in Pardubice passen ins Stadion mehr als 10000 Zuschauer rein. In Perm haben 6000 Zuschauer Platz , aber kaum die Hälfte war besetzt. Was mich sehr überrascht hatte – man darf keinen Alkohol konsumieren im ganzen Stadion (vielleicht ist das in aderen Ländern auch so?). Es war einfach lustig, den Männer zuzuschauen, wie sie mit einem Becher Tee in der Hand die Mannschaft heftig anfeuern.  

In Tschussowoi war ich noch. Es ist eine Kleinstadt, die etwa 130 km nordöstlich von Perm liegt, am Zusammenfluss der Flüsse Tschussowaja und Uswa. (Die beiden Flüsse, wie auch andere hier im Uralgebiet, sind übrigens sehr beliebte Ausflugsziele, denn man kann mit dem Kayak oder Floß die Flüsse herunterfahren). Nach Tschussowoi wurden wir,  sprich ‚Memorial‘, eingeladen um in einem Seminar den Kindern und Jugendlichen etwas über freiwillige Arbeit zu erzählen. Natürlich hat Anna, die Koordinatorin des Memorials, das Seminar geleitet und die Möglichkeiten und Projekte in der Permer Region vorgestellt, aber auch wir – Mirna und ich, sollten einen kleinen Vortrag halten. Unsere Aufgabe war etwas über freiwillige Arbeit in unseren Heimatländern zu sagen.

Es war für mich das erste Mal, wann ich etwas vor dem Publikum auf Russisch erzählte! Was aber noch schlimmer war, wir wurden um ein Interview gebeten, vor der Kamera! Meine Güte, ich habe es natürlich sofort abgelehnt, ich habe gesagt, es ginge nur wenn ich auf Deutsch, Englisch oder Tschechisch antworten kann. Aber letztendlich habe wirklich auf Russisch gesprochen.

Tschussowoi an sich ist nicht sehr sehenswert, habe ich das Gefühl. Einfach eine Industriestadt. Aber die Skipisten rund um die Stadt sollen ganz toll sein. Wir hatten leider nur wenig Zeit nach dem Seminar und haben die Stadt nur vom Auto aus gesehen. Mit einer Kollegin von Anna sind wir noch schnell in den ‚Ethnographischen Park der Geschichte des Flusses Tschussowaja‘ gefahren, der nicht weit von der Stadt liegt. Wie gesagt, leider waren wir nur sehr kurz dort und es war schon am Abend und die Häuschen waren zu. Aber schön war es, ich denke, wir müssen noch einmal hinfahren.

Bei dieser Gelegenheit habe ich auch erfahren, wie gefährlich es ist, ohne Handschuhe rumzulaufen. Ich habe sie ausgezogen um Fotos zu machen und 10 Minuten genügten um echt schlimme Schmerzen zu verursachen. Noch den ganzen Tag danach haben mir die Fingerspitzen wehgetan.

Am letzten Sonntag gab es den ‚Ресторанный день‘ – Restaurant Day (http://www.restaurantday.org/de/info/about/). Lustig, dass ich davon ausgerechtet in Russland erfahren habe. Vom ‚Restaurant Day‘ habe ich in Europa nie gehört. Ein anderes Konzept, was ich hier kennen gelernt habe, ist das ‚Anti-Café‘. Es kommt aus Moskau und in Perm wurden schon zwei solche Cafés eröffnet. In Anti-Cafés bezahlt man für die dort verbrachte Zeit und nicht für die Getränke. Im Permer ‚Anti-Café Diwan‘, zahlt man 2 RUB pro Minute.

Ich bin überrascht, dass so etwas in Russland ausgedacht wurde. Ich finde, von Natur her denken die Russen (vielleicht wie die Tschechen auch :), dass ein unbeobachtetes Buffet dazu da ist, sich möglichst vollzustopfen und noch etwas nach Hause mitzunehmen. Das habe ich auch beim Flug nach Moskau erlebt – Kaugummis oder Bonbons oder was das war, wurden den Fluggästen vorm Abfliegen angeboten. Die meisten haben einfach eine Hand voll genommen und alles in die Tasche gesteckt..

Ich war noch zum Beispiel in Zakamsk, wie schon der Name verrät, liegt der Stadtteil auf der anderen Seite der Kama. So habe ich wieder einmal gespürt, wie riesengross Perm ist. Mit der Fläche von knapp 800 km² ist es die drittgrösste russische Stadt (und mehr als 15 mal grösser als Bern :). Von Krochalewka, wo wir wohnen, sind es 30 km nach Zakamsk und das sind noch nicht die Grenzen der Stadt.

Von meinem abenteuerlichen Ausflug ins buddhistische Kloster auf dem Berg Katschkanar und somit meiner ersten Reise hinter die geographische Grenze Europas, berichte ich (hoffentlich) bald!

Und wie man auf den Bildern unten sieht, auch in Perm fahren die Postautos!


Rostow & Jaroslawl

Endlich komme ich dazu, den Beitrag über meine Reise in den Westen zu schreiben. Ich hoffe, ich erinnere mich noch an ein paar Sachen. Denn die Zeit in Russland vergeht doppelt so schnell wie in Europa, habe ich das Gefühl. Es kann sein, ich empfinde den Tag so kurz, weil ich erst mit der Sonne aufstehe, sprich gegen 11 Uhr. Dementsprechend spät gehe ich ins Bett, gegen 3 Uhr und später.

Auf jeden Fall, in Rostow war es schon ein wenig anders. Ich wollte ja das Frühstück nicht verpassen und deshalb musste ich vor 9 Uhr aufstehen. Oder vielleicht war es wegen der Zeitverschiebung einfacher, früher aufzustehen? In Rostow gilt die Moskauer Zeit, also 2 Stunden weniger als in Perm.

Achtung, ich spreche nicht von Rostow am Don. Rostow am Don ist viel grösser und bekannter und es wäre dort sicherlich auch schön und vor allem wärmer gewesen und , aber ich war in Rostow Weliki (was lustigerweise ‚das grosse Rostow‘ bedeutet:).

Rostow Weliki liegt in der Region Jaroslawl, 60 Km von der Stadt Jaroslawl entfernt, in Richtung Moskau. Warum sind wir hingefahren? Um an einem EVS-Seminar teilzunehmen. Ich bin ja momentan als Freiwillige ein Teil des Europäischen Freiwilligendienstes (engl. Abk. EVS), was ein Projekt der EU ist. Und wir arbeiten nicht nur, sondern wir lernen auch für die Zukunft, lernen andere Freiwilligen kennen, diskutieren über verschiedene Probleme, die auf uns in unserem Gastgeberland zukommen können, suchen Lösungen für mögliche Notsituationen, überlegen unsere eigenen Projekte und evaluieren unsere Arbeit und die bisherigen Resultate.

Dazu dienen eben solche Seminare. Und wer mindestens 6 Monate an einem Projekt arbeitet, den erwarten insgesamt 4 Seminare: ‚pre-departure‘, ‚on-arrival‘, ‚mid-term‘ und ‚annual meeting‘. Das erste habe ich in Tschechien absolviert, das zweite war eben in Rostow, für das dritte müssen wir uns bald anmelden, wenn wir noch den Termin Ende Februar schaffen wollen, ansonsten gäbe es noch eine Möglichkeit im Mai. Und das letzte Treffen wird wieder in unseren Heimatländern organisiert.

Es ist schon nett, dass uns die liebe EU die Reisekosten plus einige Tage im Hotel bezahlt, inklusive so viel Essen, sodass wir 3 kg schwerer nach Hause fahren. Die aufgezählten Tätigkeiten, mit denen wir uns während der Seminare beschäftigen, mögen auch toll klingen. Aber um ganz ehrlich zu sein, ich finde es auf keinen Fall sinnvoll ausgegebenes Geld. Aber lassen wir es sein, ich wollte ja meine Reise beschreiben:

Also wenn ich im Text ‚wir‘ schreibe, meine ich Mirna, meine Mitfreiwillige und Mitbewohnerin & mich. Es war ein Samstag Vormittag, wann wir losgefahren sind. 20 Stunden im Zug nach Jaroslawl vor uns. Wir hatten Plätze im selben Wagon, aber in unterschiedlichen ‚Abteilen‘ (es hat ja keine richtigen Abteile im ‚плацкартный вагон‘ – Platzkarten-Wagen). Es war eine ruhige Fahrt, der Zug ist die ganze Strecke Wladiwostok – Moskau gefahren und manche Passagiere haben so ausgesehen, als ob sie auch schon von Wladiwostok mitgefahren wären. Irgendwann am Abend ist eine ganze Schulklasse eingestiegen, dann war es nicht mehr so ruhig. Ein Schulausflug nach Moskau..

Nach 6 Uhr morgens kamen wir in Jaroslawl an und mussten dann noch Fahrkarten nach Rostow kaufen. Nach 1,5 Stunden Warten konnten wir in einen Regionalzug umsteigen, mit der Endstation in Rostow. Bei der Fahrt haben wir eine ziemlich spezielle Sache festgestellt – nicht alle Stationen haben einen Namen, manche werden einfach mit Kilometeranzahl bezeichnet (ist es die Entfernung von Moskau??). Unten auf den Fotos kann man ein Bespiel sehen, Station Km 231, oder auf der Rückreise habe ich Km 1177 fotografiert, leider ist das Bild verschwommen..

Noch eine interessante Sache: Schwarzfahrer werden auf Russisch ‚заяц‘ (zajac) genannt, was auch ‚Hase‘ bedeutet. Deshalb, wie man unten auf einem Foto sehen kann, alles was verboten ist schön in einem Bild zusammengefasst 🙂 Hasen, die rauchen, trinken und Unordnung machen, sind unerwünscht. Von Hasen weiss ich nicht, rauchen habe ich im Zug auch keinen gesehen. Aber trinken tut man ungehemmt und Ordnung hält man auch nicht, überall Schalen von diesen ‚семечки‘, also Sonnenblumenkernen. Da komme ich mir hier wie in Spanien vor, dort kaut man ja auch ständig an den ‚pipas‘ rum.

Ok, da sind wir schon in Rostow! Zum Hotel, das sich im Zentrum der Stadt befindet, müssen wir vom Bahnhof die Hauptstrasse nehmen. Zum Glück gibt es dort ausser der Autostrasse nur eine Strasse, also müssen wir gar nicht lange nach der Richtung suchen. Und die Stadt ist wirklich klein, etwas über 31 Tsd. Einwohner, also laufen wir zu Fuss ins Zentrum.

Das Hotel ‚Lion‘ haben wir schnell gefunden. Echt komfortabel. Wir haben in Doppelzimmern übernachtet, eben sehr viel Essen bekommen und noch mehr Süssigkeiten in den Kaffeepausen (hier in Russland würde man eher Teepausen sagen) bekommen. Ich war am Anfang sehr um mein vegetarisches Essen besorgt, aber am Schluss hat sich mehr als die Hälfte der Teilnehmer als Vegetarier gemeldet, auch wenn die grosse Mehrheit fake-Vegetarier waren.

Die Teilnehmer – 14 andere Freiwillige (plus wir zwei aus Kroatien und Tschechien, momentan aus Perm), die meisten aus Deutschland, ein Grieche, drei aus der Slowakei, eine Tschechin, eine Estin, eine Engländerin, eine Österreicherin und ein Ungarofranzose, die ihren Freiwilligendienst in Kirow, Nischni Nowgorod, Tscheboksary und Petrosawodsk leisten. Die Instruktoren waren ein Pärchen aus Nischni Nowgorod und eine Weissrussin.

Was soll ich erzählen, es war nett, wir haben viel Spass gehabt, ausser der oben erwähnten Aktivitäten haben wir auch etwas von der Stadt gesehen, danach sind wir sogar für ein gemeinsames Abendessen in ein Restaurant gegangen (und einen heimischen Likör getrunken), oder einmal wurde unsere Kreativität gefragt, zwar als wir in einem Workshop Glocken mit Acrylfarben bemalten und wir haben ein paar Filme aus der Sowjetära geschaut.

Rostow ist wirklich wunderschön, der Kreml und die Uspenski-Kathedrale, der See Nero, die vielen Kuppeln von unzähligen Kirchen. Im Rostower Kreml wurde einer der Filme gedreht, den wir gesehen haben – Иван Васильевич меняет профессию (Iwan Wassiljewitsch wechselt den Beruf), eine sehr populärere Komödie aus dem Jahr 1973. Sonst gibt es in Rostow ein spezielles Kunsthandwerk, was als Rostower ‚Finift‘ bekannt ist. Dabei wird Emaille mit feuerfesten keramischen Farben bemalt. Es gibt ein Finift-Museum im Kreml, das wir auch besucht haben und wo uns die Technik erklärt wurde. Und noch schwarze Keramik wird in Rostow hergestellt.

Nach 5 Tagen war das Seminar zu Ende. Wir haben uns entschieden, noch Jaroslawl zu entdecken. Wir mussten dort ja sowieso wieder umsteigen. Auf unsere Gastgeberin, Daria, haben wir am Bahnhof gewartet, wo wir die 5 Tage vorher aus dem Zug ausgestiegen und in den Zug nach Rostow umgestiegen sind. Nach einer halben Stunde haben wir sie immer noch nicht gefunden, obwohl sie uns eine SMS geschickt hat, dass sie am Haupteingang wartet. Erst dann ist uns in den Sinn gekommen, dass es wohl noch einen anderen Bahnhof gibt in Jaroslawl! Daria hat uns am Hauptbahnhof erwartet, während wir auf sie am Bahnhof Jaroslawl-Moskowski warteten.

Jaroslawl ist eine schöne Stadt, gleich wie Rostow gehört es zum Goldenen Ring der altrussischen Städte, die sich nordöstlich von Moskau befinden. Nach Moskau sind es von Jaroslawl 270 Km. Nach der Zeit in Perm war ich wirklich froh eine alte und ziemlich saubere Stadt zu sehen! Übernachtet haben wir bei Daria in ‚спальный район‘, also in einem ‚Schlafviertel‘ (Trabantenstadt?), das halt wie alle russischen Vororte aussah. Knapp 600 Tsd. Menschen leben in Jaroslawl.

Ins Zentrum sind wir mit der Marschrutka gefahren (das Billet kostet 18 Rubel, also 5 Rubel mehr als der öv in Perm). Unsere ersten Schritte führten natürlich zur Wolga, dem längsten Fluss Europas! In Jaroslawl, wo die Kotorosl in die Wolga mündet, gibt es eine Grünanlage, die ‚Strelka‘ heisst. Sie erinnert auch an das 1000-jähriges Jubiläum der Stadt im Jahr 2010. Auf der Promenade wurde gerade eine Seifenoper gedreht:).

Jaroslawl ist vor allem architektonisch interessant, es gehört auch zu der UNESCO-Weltkulturerbe. Gleich bei der Strelka befindet sich die Mariä-Entschlafens-Kathedrale, die in der Sowjetzeit abgerissen und zwischen 2004 und 2010 neu gebaut wurde. Ein Stein zwischen der Strelka und der Kathedrale kennzeichnet den Ort, wo Jaroslawl im Jahre 1010 von Jaroslaw dem Weisen gegründet wurde. An dem Ort soll er mit seiner Axt einen Bären getötet haben, deshalb hat Jaroslawl bis heute im Wappen einen Bären, der eine Axt hält.

Weiter sind wir auf den geräumigen Sowjet-Platz gelaufen (‚Советская площадь‘), dort befindet sich gegenüber dem sehr sozialistisch aussehenden Regierungsgebäude der Region Jaroslawl die Prophet-Elija-Kirche, ein beeindruckendes Bauwerk. Durch dir schöne Revolutionsstrasse (Революционная улица) sind wir zur Kapelle der Gottesmutter von Kasan am Ufer der Kotorosl gelangen, die nahe des Tores des Christi-Verklärungs-Klosters steht. Die Kapelle mit dem Kloster im Hintergrund und ein Denkmal für Jaroslaw den Weisen findet man auf der Vorderseite des 1000-Rubel-Scheins. Auf der Rückseite ist die Johannes-der-Täufer-Kirche mit ihrem Glockenturm abgebildet (die man von der Strelka aus auf dem anderen Ufer sehen kann).

Das Wetter war leider nicht sehr gut, in Rostow eigentlich auch nicht. Es war kalt, bedeckt und windig. Aber den Ausblick vom Glockenturm des Klosters konnten wir uns nicht entgehen lassen! Danach sind wir aber sofort in ein Café gerannt um etwas Warmes zu trinken.

Wie man auf den Bildern unten sieht, gibt es in Jaroslawl viele Kirchen und Türme und Tore und ich weiss nicht, wie sie alle heissen. Und auch weitab des Zentrums befinden sich sehr interessante Bauten, wie das Kloster zu Mariä Tempelgang von Tolga oder die Kirchen im Vorort ‚Korowniki‘. Aber dafür blieb uns keine Zeit mehr. Am nächsten Tag sind wir zwar wieder ins Zentrum gefahren, aber da mussten wir noch Souvenirs kaufen und wir wollten vor der Abreise noch Sushi essen gehen :).

Übrigens bei Daria habe ich endlich begriffen, wie man traditionell Tee zubereitet: dass man zuerst die ‚заварка‘, also einen starken Aufguss macht. Dann wird jedem ein wenig von dem Aufguss eingeschenkt und anschliessend wird die Tasse mit heissem Wasser aufgefüllt. Es gehört wahrscheinlich zur Allgemeinbildung, aber für mich – wohl weil ich eine grosse Beutelteetrinkerin bin – war das eine ganz neue Erkenntnis.

Am Abend sind wir Richtung Perm losgefahren , am Nachmittag in Perm angekommen (wenn man in Russland mit dem Zug unterwegs ist, werden die Abfahrts- und Ankunftszeiten in Moskauer Uhr angegeben, egal in welcher Zeitzone sich man befindet. Also beispielsweise auf dem letzten Foto, wo Permer Bahnhof mit der Zeit 13:41 zu sehen ist, war es in Wirklichkeit schon 15:41). Beim Einsteigen habe ich erlebt, wie genau man hier die Fahrkarten kontrolliert. Sie wollten mich nicht in den Zug reinlassen, denn die Pass-Nummer auf der Fahrkarte stimmte nicht mit der Nummer in meinem Reisepass überein. Gar nicht mein Fehler, eigentlich. Aber ich hatte noch Glück und nach ein paar Minuten haben sich die Zugbegleiter erbarmt.

Die 20 Stunden waren ruhig, Mirna hatte einen gesprächigen Mitfahrenden in ihrem ‚Abteil‘, ich kam ab und zu zu Besuch und dann haben wir Schokolade gegessen und schwarzen Tee aus Gläsern mit dem berühmten подстаканник‘ (Podstakannik – ein Glashalter mit Henkel, siehe unten auf dem Foto) getrunken. Der Wladimir ist auch nach Perm gefahren und hat uns dann mit seinem Kollegen mit dem Auto nach Hause gefahren!

Ich bin jedes Mal von der Landschaft hinter den Fenstern fasziniert, deshalb entschuldigt bitte die vielen Fotos von Bäumen, Häuschen und Dörfern. Tagsüber könnte ich wirklich die ganze Zeit nur aus dem Fenster schauen.

So das wär’s, zurück zu Hause.. Mittlerweile ist es kalt geworden, die Eisstadt auf der Esplanada neben der Lenin-Strasse wird gebaut, ein paar Weihnachtsbäume wurden auch schon aufgestell. Aber sonst bleibe ich dieses Jahr von der Weihnachtshektik verschont!


Woche Nr. 10

Immer etwas los hier. Und ich habe mich wieder an einige Erkenntnisse aus dem russischen Leben erinnert, die ich euch mitteilen wollte.

  • man isst hier Sauerrahm (сметана) mit Quark (творог), einfach die beiden Milchprodukte  gut vermischen, ausgiebig zuckern und voilà, ein Snack für Zwischendurch ist fertig. Am Schluss gar nicht so übel, meine kroatische Mitbewohnerin kennt es aus ihrem Heimatland auch, aber für mich war es sehr ungewöhnlich
  • aha, Vogelmilch (птичье молоко) – es ist gar nicht so einfach mit dem Vogelmilch. Ich glaubte, es ist so etwas typisch Russisches. Und jetzt sagt die deutsche Wikipedia: ‚Vogelmilch (polnisch Ptasie Mleczko) ist ein polnisches Konfekt, das 1936 von dem Warschauer Konditor Jan Wedel erfunden wurde und mittlerweile von unterschiedlichen Herstellern, darunter auch Milka, in ganz Mittel- und Osteuropa vertrieben wird.‘ – das heisst, wieder etwas, was sich Russisch stellt, in Wirklichkeit aber von woanders kommt. Und es heisst auch, Tschechien kann man nicht zu Mittel- und Osteuropa zählen (oder mich nicht zu den Tschechen?!), denn ich habe in Tschechien nie ein Vogelmilch-Konfekt oder eine Vogelmilch-Torte gesehen, ja nicht einmal davon gehört!
  • aber Zefir (зефир), das muss doch, bitte schön, etwas originell russisches sein! Oh nein, ich lese gerade, dass man schon im antiken Griechenland diese süsse fruchtige geleeartige Masse zubereitet hat..
    • Anm.: bei diesen beiden muss man aufpassen, ob sie für Vegetarier geeignet sind!
  • was macht man in Russland, wenn man sich mit den Kollegen trifft? Man geht doch гулять, also spazieren! immer wieder, wenn mir russische Kollegen schreiben, lese ich: ich wollte dich zu einem Spaziergang einladen; ich werde noch überlegen, wo wir spazieren gehen können; hast du denn Zeit für einen Spaziergang?.. egal, auch wenn es -10°C hat, man geht spazieren. Also ich persönlich würde lieber in ein Café gehen..
  • es geht um die Mütze (шапка) – ok, ich weiss, es ist blöd bei -13°C ohne Mütze rumzulaufen, aber warum sind alle so besorgt?! Schon seit einem Monat höre ich teilweise mehrmals am Tag von den Babuschkas, von Kollegen, einfach von allen, Fragen wie ‚wo hast deine Mütze‘, ‚hast du deine Mütze vergessen‘, ‚trägst du denn schon endlich eine Mütze‘, nein verdammt noch mal, ich habe einfach keine Mütze. Dass die Frauen auf Miniröcke mit dünnsten Strumpfhosen und auf High-Heels auch bei wirklich kalten Temperaturen nicht verzichten können, interessiert auch niemanden. Man kann hier im Winter halbnackt herumlaufen, aber unter keinen Umständen darf man die Mütze vergessen!
  • was noch. Aha, brauchen Sie denn einen Plastiksack? (Вам пакет нужен?) – das fragen sie immer an der Kasse in den Supermärkten – Nein, sehen Sie nicht, dass ich schon meinen Rucksack bereit halte um in ihn die Sachen einzuräumen?!  Heute habe ich eine Peperoni und ein Stück Ingwer gekauft. Natürlich, und schon gar nicht, wenn ich einzelne Stücke Obst oder Gemüse kaufe, tue ich sie nicht in Plastiktüten. Aber an der Kasse hat die Frau das eine einsame Stück Peperoni sofort in eine Plastiktüte gesteckt. Also sie hat natürlich zuerst gefragt, ob ich einen Sack brauche. Ich habe gesagt, ich will keinen Sack. Und auch wenn meine arme Peperoni schon drin im Kuststoff steckt, nehme ich die Tüte nicht mit. ‚Ich brauche keine Tüte!‘, habe ich noch einmal gesagt. Sie schaute mich böse an und fragte: ‚Und für den Ingwer auch nicht?‘. ‚НЕТ!‘ und nochmals nein!
  • und die russischen Männer, die haben echt keine Manieren. Und in öv, es ist manchmal wirklich schlimm, wie sie nach Alkohol riechen. Und jetzt, was viel schlimmer ist, sie ziehen die Nase hoch (und manche Frauen auch!)! Also ich bin schon ziemlich empfindlich wenn es um Geräusche und Lautstärke geht, und meine Mitbewohner haben es auch schon erkannt. Aber die Nase hochziehen, das geht gar nicht! Wenn ich das höre, denke ich nur, ich fahre gleich aus der Haut und werde dabei noch wahnsinnig! Und wie sie sich die Nase putzen, es passiert meistens auf der Strasse oder im Badezimmer (nehme ich an, denn unser Mitbewohner tut das auch), das werde ich hier gar nicht beschreiben, ich wisst ja, was ich meine. Und es sind echt schreckliche Geräusche. Ist es wirklich so schwierig, immer ein Nastuch dabei zu  haben?!

Ok, Schluss jetzt.. Etwas Positiveres. Ich war vorgestern in der Permer Jarmarka (Пермская ярмарка), eine kleine Markt- oder Ausstellungshalle ist es. Es gab dort eben eine Verkaufsausstellung, einen Teil mit Schmuck,  handgemachten Sachen und Ähnlichem und einen Teil mit Antiquitäten, Münzen und so Krimskrams. Zuerst fand ich es Schade die 140 Rubel für den Eintritt auszugeben, aber jetzt bin ich froh, dass ich sie geopfert habe! Vor allem für das Erkenntnis, dass  man in Russland alles finden/kaufen/verkaufen kann.

Möchtet ihr eine orthodoxe Ikone, sowjetisches Geschirr, einen alten Samovar für 1500 CHF, ein Nazi-Abzeichen kaufen? Braucht ihr eine Thai-Massage? Wollt ihr chinesische und japanische Kalligraphie lernen? In der Permer Jarmarka gab es am Wochenende alles.. Und ich werde bald anfangen Kalligraphie zu lernen :).

Am nächsten Wochenende gibt es den ‚Гагарин маркет‘ (Gagarin-Markt), nicht in der Jarmarka, aber in der Nähe . Designer- und handgemachte Sachen werden dort zu sehen und zu kaufen sein. Vielleicht finde ich dort eine Stricklehrerin!

In der Fotogalerie gibt es mehrere Bilder mit der Aussicht aus meinem Balkon. Nur ein Bild davon habe ich in der Nacht gemacht, die anderen wurden gegen 10 Uhr morgens fotografiert. Man sieht, die Sonne steht hier sehr spät auf! Ich wollte heute morgen ein aktuelles Bild machen, aber das Fenster kann ich seit mehreren Tagen nicht mehr öffnen, denn es ist eingefroren! Sonst sind in der Galerie noch ein paar Fotos, die während eines Spazierganges (прогулка) mit den Kollegen entstanden sind. Aber im Moment mache ich keine Fotos, wenn wir spazieren gehen, denn es wird langsam zu kalt und meine Fausthandschuhe sind nicht sehr praktisch, wenn ich fotografieren will!


Perm-36

Fotos vom Museum Perm-36 ohne Kommentar. Eine triste Angelegenheit. Und die Fahrt zurück nach Perm. Die Fotos sehen alle gleich aus und sind nicht  gut, denn wegen den vielen übermütigen Kindern  hatten wir keine Zeit uns das alles richtig anzuschauen und Fotos zu machen. Das nächste Mal halt..


→ Ergänzung

letztes Beitrags. Bestimmt kommt mir später wieder etwas in den Sinn, was ich noch erwähnen wollte. Oder ich lerne etwas Neues kennen. Oder ich erfahre die Erklärung für die genannten Punkten.

Eine wichtige Sache habe ich vergessen, über die wir uns schon von Anfang an wundern (ärgern): kommt ein Mann in eine Gruppe, wo es sowohl Männer als auch Frauen gibt, schüttelt er zur Begrüssung nur den Männern die Hand und den Frauen sagt er nur ein beiläufiges ‚Hallo‘! Dasselbe wenn Männer und Frauen gegenseitig vorgestellt werden. Der Mann gibt einfach nie einer Frau die Hand. Und das beginnt schon bei den Kindern. Ich sah es in den Schulen, dass die Jungs sich immer mit Händeschütteln begrüssen, währenddessen den Mädchen einfach so global ein Hallo zugerufen wird.

So eine himmelschreiende Frechheit! – hätte ich noch vor Kurzem geschrieben. Aber ich habe erfahren, dass es eben sehr unhöflich ist, einem Mädchen die Hand zu schütteln. Jetzt verstehen wir auch die erschrockenen Blicke der Jungs als wir ihnen zuerst die Hand reichten. Wangenmüntschi kennt man hier auch unter guten Freunden nicht – wenn Mädchen und Jungs gut befreundet sind, dann umarmen sie sich zur Begrüssung/zum Abschied.

Ein anderes Thema – die Küche. Ich habe vielleicht schon geschrieben, dass man hier überall Sushi essen kann. Aber ich möchte es noch einmal wirklich deutlich machen, dass die Russen Sushi lieben. Und Pizza. Deshalb findet man viele Lokale, die beides anbieten, so eine Sushi-Pizza-Bar eben.

Läuft man in Perm durch den zentralen Teil der Stadt, fallen einem besonders drei Restaurantketten auf, denn man sieht sie an jeder Ecke: ‚СУШИ Wok‘ (Sushi Wok) ist die erste, ein ziemlich neues Sushi-Takeaway. Dann ‚СКОВОРОДКА‘ – ’skoworodka‘ heisst  Bratpfanne und in diesem Schnellimbiss bekommt man Pfannkuchen. Über die russische Vorliebe für ‚блины‘, also Pfannkuchen habe ich letztes Mal geschrieben. Salzig oder süss, sogar mit Kaviar gefüllt, es gibt genug Auswahl in Skoworodka. ‚ХУТОРОК‘ (Chutorok) ist die dritte Kette, es ist ein ukrainisches Restaurant. Aber ausser vegetarischer Wareniki und Kartoffelpuffer gibt es dort nur Fleisch.

Die Namen der Supermärkte sind nicht sehr originell. Schon gar nicht so originell wie der ‚Cactus‘ in Luxemburg. Sie heissen zum Beispiel ‚Магнит‘ (Magnit), ‚Гастроном‘ (Gastronom), ‚Семья‘ (Semja), ‚Виват‘ (Wiwat) oder ‚Пятерочка‘ (Pjatjorotschka).

Gut das wäre es für den Moment. Ich warte immer noch auf einen freien Tag, ich will ja noch von meinem Aufenthalt in der Jaroslawski-Region berichten. Aber irgendwie komme ich gar nicht dazu. Ich muss auch noch die Fotos sortieren. Am letzten Freitag wollte ich es tun, aber schliesslich sind wir mit einer Schulexkursion nach Perm-36 gefahren, in das Gulag-Museum! Es ist so ein komplexes Thema, dass ich dazu noch mehr studieren muss. Ich bin mir sicher, dass wir noch mehrmals hinfahren. Also werde ich später davon erzählen.

Nur eine Sache – es wurde mir wieder klar, dass es so nicht weiter geht mit der Welt! Ich wurde sozusagen gezwungen den Film ‚Stirb langsam – Ein guter Tag zum Sterben‘ zu schauen, denn es wurde während der 2-stündigen Fahrt in dem Bus gezeigt. Im Bus wo dreissig 14-jährige Kinder sassen! Schon alleine das ist eine Sauerei, wenn Kinder solche Filme schauen. Ich sass leider ganz vorne und auch wenn ich aus dem Fenster schaute, habe ich Vieles von dem Film mitbekommen.

Ich musste eigentlich lachen, aber gleichzeitig überlief mich eiskalt. In was für eine Welt leben wir! In einer Welt, wo Bruce Willis ein Sturmgewehr aus der Hosentasche herausholt und alle Feinde zerschiesst, so dass die Eingeweide herunterregnen? Und ein Happy End, die Hauptfiguren kommen nach ein paar Tagen unter vollem Beschuss unversehrt davon und die ganze Familie ist wieder glücklich beieinander. Dass bei den Spielereien die halbe Stadt (in Moskau war es) samt Bewohnern in die Luft gejagt wurde, interessiert keine Sau.

Ich verstehe nicht, wie jemand auf sich stolz sein kann, wenn er so etwas produzierte. Ich finde es gar nicht cool. Einfach nur l ä c h e r l i c h. Und ich sage es nicht, weil es der erste Action-Film war, den ich gesehen habe und es deshalb nicht mit anderen vergleichen kann. Ich habe nur daran gedacht, dass ich gerade einen Gulag besuchte, wo Menschen grundlos wenigstens 10 Jahre in den härtesten Bedingungen verbracht haben und dann sehe so etwas, wo man freiwillig Hinrichtungen von Tausenden Menschen zuschaut und Freude daran hat. Es ist nur ein Film, aber wer braucht denn solche Filme. Fahrt bitte nach Nordkorea, geht in den Krieg um sich eine echte Exekution anzusehen, um Adrenalin zu spüren. Mal schauen, wie es euch gefällt, es live zu sehen!

Ich bin entsetzt, ich bin wütend, ich bin enttäuscht, ich bin traurig, ich bin verzweifelt.  Es ist doch echt lächerlich, so etwas passiert nicht, was sie dort zeigen – dass es normal ist, dass man alles zerschmettert, alle ohne Augenzwinkern erschiesst, dass man das alles überlebt, was der Bruce in dem Film durchgemacht hat. Schon nach der ersten Autoverfolgungsjagd wäre man tot. Es ist nicht normal. Es tut mir leid, Herr Willis, es ist einfach nur Abfall, wo Sie da mitgespielt haben!

Und dass die Russen ständig so viele Plastikbecher brauchen, wenn sie unterwegs ihren Tee trinken, macht mir auch Sorgen!


der Permer Alltag

Gäbe es hier nicht so viele Lenin-Denkmäler, Wasser-Kioske und Blumenläden, wären die Strassen nicht so extrem dreckig, müsste man nicht nach jedem Regenschauer durch die entstandenen Sümpfe waten, wären die Leute nicht so überrascht, dass ich mit 25 nicht verheiratet bin, hätte ich fast gedacht, ich bin irgendwo in Mitteleuropa..

Auf der einen Seite ist das Leben hier in Perm schon anders als in Mitteleuropa (mit Mitteleuropa meine ich Mitteleuropa – also nicht nur Tschechien, sondern auch Deutschland und die Schweiz und Luxemburg:), auf der anderen ist es hier nicht so extrem anders wie ich es mir vorgestellt habe. Womit ich hier noch nicht richtig klar komme sind die russische Arbeitsweise, die ÖV Fahrpläne, dass die Männer ständig herumspucken und die Tatsache, dass man hier kaum etwas rezykliert.

Ich werde von den Russen oft gefragt, was mich hier im Vergleich mit Mitteleuropa überraschte . Zuerst kommt eigentlich die Frage, warum ich gerade Perm ausgewählt habe. Es scheint mir, dass die Permer selbst denken, jede andere russische Stadt wäre schöner und interessanter als Perm. Und ich sage immer, dass es ein Zufall war, dass ich in Perm landete und dass ich einfach nicht nach Moskau oder St. Petersburg wollte, da die Städte zu gross, zu teuer sind und es dort viele Ausländer gibt, was nicht gut ist, wenn man Russisch lernen will.

Hier in Perm gelten wir als Ausländer schon ein wenig als eine Rarität und wenn uns Leute im Bus Englisch sprechen hören, fragen sie oft woher wir kommen und was wir hier machen. Gleichzeitig kann ich nicht sagen, dass ich in dieser sehr russischen Umgebung mit dem Russischen schneller Fortschritte mache als woanders. Ich bin einfach viel zu selten dazu gezwungen Russisch zu sprechen, weil ich zu Hause nur Englisch rede, mit den anderen Freiwilligen auch Englisch oder Deutsch und die Russen, die ich regelmässig treffe, sprechen auch Englisch, zumindest ein bisschen.

Aber wenn es sein muss, kann ich mich schon verständigen, auch wenn ich die Hälfte des Satzes auf Tschechisch oder mit tschechischen Endungen sage. Ich telefoniere ja sogar auf Russisch mit den Babuschkas (ok die Gespräche dauern meistens weniger als 2 Minuten 🙂 )! Aber jetzt habe ich eine Hoffnung auf baldige Verbesserung meiner Sprachkenntnisse! Wir haben seit einigen Tagen einen neuen Mitbewohner, den Dmitri. Mit ihm kann ich nur Russisch sprechen. Vom Aussehen her und auch durch seine Umgangsformen (ja er kocht sogar für uns!), ist er nicht typisch russisch. Und ich habe herausgefunden warum – er ist halb tatarisch!

Und am Mittwoch in dem Jonglier-Taraining habe ich 3 junge Russen kennengelernt, die auch wenig oder gar kein Englisch sprechen und 2 von ihnen wohnen in Krochalewka, also unternehmen wir sicher bald etwas zusammen. Ah und ich weiss, warum jeder in Perm Krochalewka kennt – weil es noch vor ein paar Jahren das kriminelle Quartier Perms war..

Sonst, der Sprachunterricht ist ziemlich langweilig, in den 90 Minuten machen wir einfach eine Übung nach der anderen. Noch dazu ist es ein sowjetisches Lehrbuch, wo man ständig über sowjetische Studenten aus Leningrad liest oder über Leute aus aller kommunistischen Welt, die ganz scharf darauf sind in der Sowjetunion studieren zu dürfen und sowjetische Autoren zu lesen.

Weitere Sprachkenntnisse – Deutsch und Englisch – kann ich durch Präsentationen verbessern. Am Dienstag hat uns die Oksana darum gebeten, unseres Heimatland und unseren Job hier in Perm den Kindern in der Klasse zu präsentieren, wo sie Englisch unterrichtet. Oh die Kinder waren gar nicht brav, aber auf jeden Fall sollen wir nochmals kommen :). Und gleich danach habe ich in dem deutschen Lesezirkel in der Gorki-Bibliothek die Schweiz präsentiert (siehe Foto unten)! Und es war sicher nicht die letzte Präsentation, die ich machte. Danach hat mich eine russische Deutschlehrerin gefragt, ob ich in ihren Unterricht kommen und den Kindern etwas auf Deutsch erzählen will.

Wir sind halt als Ausländer eine begehrte Ware! Es gibt noch andere Aktivitäten, zu denen wir eingeladen sind, vor allem sollen wir Kindern unsere Kulturen vorstellen. Da fühle ich mich immer ein wenig beschämt, denn was weiss ich schon von der tschechischen Kultur, ja überhaupt von dem Land!

Letzte Woche hatten wir ein wenig mehr zu tun als sonst, da der 30. Oktober der Gedenktag an die Opfer der politischen Repressionen war und am 31. wurden vom Memorial auch noch Veranstaltungen organisiert, wo wir ausgeholfen haben (ich war für einen Tag zu Garderobendame geworden 🙂 ). Und bei der Gelegenheit sind wir in die Oper gegangen! ‚Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch‘ haben wir geschaut. Ich hatte schlechtes Gewissen, denn es war Mittwoch Abend und ich habe nur daran gedacht, dass ich deswegen mein Jonglier-Training verpasst hatte, noch dazu nichts davon verstehe, was sie singen und im Grossen und Ganzen nichts von Kunst verstehe und einen gratis Opernbesuch nicht zu schätzen weiss..

Der 4. November ist ein Nationalfeiertag – es wird als ‚Tag der Einheit des Volkes‘ gefeiert und die meisten Russen wissen gar nicht, worum es geht. Sie sind jedoch froh, dass sie an dem Tag nicht arbeiten müssen. Es ist ein ziemlich neuer Feiertag, man brauchte nämlich einen Ersatz für den 7. November, an dem der Jahrestag der Oktoberrevolution gefeiert wurde. Also der 4. November erinnert an die Befreiung Moskaus von der polnisch-litauischen Besetzung im Jahr 1612 und wurde 2005 als Feiertag eingeführt.

Am Donnerstag habe ich mich endlich entschlossen auf den ‚центральный рынок‘, also Zentralmarkt zu gehen. Nach meinem Aufenthalt in Andalusien, wo es in jeder Stadt eine Markthalle gibt, habe ich aufgehört, solche Märkte aufzusuchen. Denn ich ertrage den Anblick von so viel Fleisch nicht. Und der Geruch von Fisch & co., da wird mir gleich übel! Zum Glück hat die Markthalle hier, wie ich herausgefunden habe, drei Stockwerke (also zwei eigentlich, aber wie ihr schon bestimmt gehört habt, in Russland/in der Ukraine usw. entspricht das Erdgeschoss der ersten Etage) und in jedem befinden sich nur bestimmte Produkte. Also generell gehört eine Ebene den Milchprodukten, eine dem Fleisch und eine ist für Gemüse, Obst und Süssigkeiten reserviert.

Und jetzt komme ich endlich zum Thema, das ich ursprünglich ansprechen wollte – was kaufen die Permer ein, was kostet hier ein Kilo Rüebli, wie funktioniert das öv-System, einfach wie sieht der Permer Alltag aus.. Also habe ich gedacht, ich mache so eine Übersicht von Sachen, die mir bislang aufgefallen sind. Vielleicht liege ich mit einigen Behauptungen falsch, aber das werde ich mit der Zeit herausfinden und kann dann meine Meinung korrigieren.

  • die Leute

Ich habe schon oft überlegt, was ich von den Leuten hier halte. Was antworte ich auf die Frage, was ich über die Russen denke? Und ich weiss einfach nicht, was sagen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass die Russen in Perm neutraler sind als die ganze Schweizerische Eidgenossenschaft. Wenn ich die Leute auf der Strasse oder im Bus anschaue, fällt niemand besonders auf, irgendwie sind alle gleich monoton. Keine besonders farbige Kleider, keine Hipster, keine verrückten Frisuren.. Das einzige, was mir jedesmal auffällt sind die goldenen Zähne der Alten, die halsbrecherischen High-Heels der Dewotschkas und die in Jogginghosen herumlaufenden Männern, am besten noch mit einer Bierflasche in der Hand und einer Zigarette im Mund.

Alle Leute, die ich hier bislang kennengelernt habe und mit ihnen irgendwie befreundet bin, sind jünger als ich. Sie sind zwischen 20 und 24, studieren oder haben schon studiert, sind verheiratet oder werden es bald werden, auf jeden Fall haben einen Partner und wenn sie spätestens mit 27 Jahren noch kein Kind bekommen haben, wird es schon bedenklich sein. So ist die russische Gesellschaft, worauf sollte man ja warten?!

Also ich finde die Russen sind ihr ganzes Leben lang mit der Familie beschäftigt. Natürlich lassen sich auch hier viele Leute scheiden, aber dann haben sie gleich eine neue Beziehung. Auch von meinen Babuschkas höre ich Geschichten, wo die Personen ruhig dreimal verheiratet waren.

Ich habe hier wirklich noch nicht die Art von Menschen getroffen, die ich als ein wenig alternativ bezeichnen würde, halt mit so einer unabhängigen Lebenseinstellung, die viele Sachen ausprobieren wollen bevor sie später wirklich sesshaft werden und eine Familie gründen.

Und es scheint mir, sie sind nicht einmal sehr karriereorientiert. Sie wollen schon einen guten Job haben, aber lassen das Leben einfach so fliessen. Hauptsache, sie und ihre Familie haben alles, was der Mensch von heute braucht. Ein Smartphone zum Beispiel!

Schon an dem Tag als ich in Perm ankam war ich so verblüfft – im Bus haben alle ihre Smartphones und Tablets gezückt und damit herumgespielt. Ich habe mir wirklich wie eine arme Maus aus Mitteleuropa vorgekommen! Wie kann ich ohne Smartphone leben! Und das noch hier, wo man doch alles über den 2GIS (eine Anwendung für PC und Natel) finden kann, was man für Orientierung und Transport in der Stadt braucht.

  • Internet 

Das bringt mich auf das Thema Internet. Alles läuft hier übers Internet. Halt wie auf der ganzen Welt. Aber im Vergleich z. B. zu Tschechien, gibt es hier überall Wi-Fi, in allen Cafés, Einkaufszentren, Institutionen, sogar in manchen Bussen und Trams.. Sein oder nicht sein auf vk.com, = auf Vkontakte (alias die russische Version von Facebook). Alle sind dabei, jede Kulturinstitution informiert über die Neuigkeiten und Veranstaltungen auf ihrer vk-Seite. Es ist einfach wahnsinnig praktisch und nützlich und ich wurde schon von Anfang an geraten mich dort anzumelden. Aber nyet, spasibo!

  • Sowjetunion vs. Russische Föderation

Ich will hier natürlich gar nicht über Politik reden. Damit kenne ich mich viel zu wenig aus und es interessiert mich auch nicht besonders (ja vielleicht sollte es, ich weiss). Was mich aber immer wieder überrascht ist, dass für viele Leute scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Wo ist die denn die gute alte Sowjetunion, in der sich alle dazugehörige Staaten so nahe standen und gemeinsam den Gemeinheiten des Lebens standhielten?!

Ok die jungen Leute denken nicht an die Sowjetunion. Jedoch schon mehrmals, wenn ich von der Ukraine erzählt habe, kam die Reaktion, dass die Krim ja noch russisch hätte sein können, wurde aber in den 60-er Jahren unüberlegt der Ukraine geschenkt. Und einmal hat sich sogar jemand daran erinnert, was für einen unersetzlichen Verlust es sei, dass Alaska als russische Kolonie an die USA quasi verschenkt wurde.  

  • die Entfernungen

Die Entfernungen zwischen den Grossstädten in Russland sind sehr gross, dass ist klar. Dementsprechend ist das Entfernungsgefühl. Aber ich frage mich, wie können die Russen solches Gefühl haben, wenn sie selbst so wenig in Russland unterwegs sind?! Ich frage jedesmal, wenn ich jemanden kennen lerne, nach seinen Reisen in Russland. Und die meisten waren höchstens in Moskau oder Jekaterinburg. Wie können sie dann behaupten, 2000 Km ist nicht weit? Ich meine, wenn man die Karte von Russland anschaut, ist es wirklich nicht weit. Aber wenn sie kaum aus eigener Erfahrung wissen, wie sich so eine 2-tägige Zugfahrt anfühlt..

Bald fahre ich nach Jaroslawl, bzw. nach Rostow. Die Zugfahrt nach Jaroslawl dauert 20 Stunden, dann muss ich noch umsteigen und kurz weiter nach Rostow fahren, nur eine Stunde oder so. Das finde ich schon ziemlich lang. Aber ich freue mich darauf. Ich werde langsam ein Profi für mittelkurze bis mittellange Strecken. Wenn man Glück hat und es keine viel zu betrunkene und/oder viel zu laute Mitfahrende hat (und wenn man nicht zu gross ist, denn die Liegen wirklich nicht sehr lang sind), ist so eine Fahrt wirklich ganz gemütlich und man kann sich gut entspannen.

  • das Einkaufen

Was ich sehr ungewöhlich finde, sind die Packungsmengen. Man kauft eine Tüte mit 1000 Gramm Milch, 0,97 Liter Saft im Tetra Pak, 325 Gramm verpacktes Brot, 2,25 Liter Limonade in PET Flasche, 198 Gramm Oliven im Glas.. Warum nicht 1 Liter usw.?!

Eine weitere Sache, die ich nicht verstehe, sind die Blumenläden an jeder Ecke. Noch dazu bleiben die meisten rund um die Uhr geöffnet! Warum?! Gibt es wirklich auch um 4 Uhr in der Nacht so viele Leute, die gerade einen Rosenstrauss brauchen?

Dass auch die Supermärkte lange Öffnungszeiten haben, schrieb ich hier schon. Und dass es hier keinen Sonntag gibt. Nicht nur für die Geschäfte, sondern auch für die Leute. Man sieht am Sonntag genauso viele Menschen auf den Strassen, genauso viele Autos, wie an jedem anderen Tag. Und die Leute machen ruhig ‚ремонт‘ am Sonntag, also Reparaturen und Renovierungen in der Wohnung und ich muss dann ständig Bohrmaschinenlärm der Nachbarn hören! Na wäre denn so etwas in der Schweiz möglich? Wohl kaum ;)!

Sonst gibt es hier noch sehr viele Geschäfte mit Fenstern und Tierbedarfgeschäfte. Ziemlich viele Leute haben einen Hund, es gibt aber auch viele Streuhunde. Ich habe gemerkt, dass die Leute meistens reinrassige Hunde haben und die Hunde wiederum oft einen Overall tragen, wenn es ein bisschen kälter wird.

Lustig finde ich auch Kioske mit мороженое – also Eisbuden. Hauptsächlich Stieleis wird dort verkauft oder Eisbecher und Eistorten. Essen hier denn auch im Winter so viele Leute Eis? Das werde ich bald sehen, falls dass Wetter aufhört Frühling zu spielen.

Trinkwasser kaufen wir hier extra in kleinen Kiosken mit der Aufschrift ‚вода‘, die überall in der Stadt anzutreffen sind. Sie sind von 9 bis 20 Uhr geöffnet (mit einer Pause von 14 bis 15 Uhr) und es steht dort, dass das Wasser aus artesischen Brunnen ist. Ich denke nicht, dass man stirbt, wenn man Hahnenwasser trinkt (zumindest nicht sofort), aber ich habe gehört, es ist nicht ratsam, denn es beinhaltet Schwermetalle. Ich weiss nicht, ob es stimmt. Paarmal habe ich das Hahnenwasser zum Teekochen gebraucht. Und wir brauchen es zum Abwaschen, Duschen, Zähneputzen. Sonst kaufen wir eben dieses ‚artesische Wasser‘ in den Kiosks, wo sie es in 5 oder 10-Liter-Kanister zapfen. 5 Liter kosten knapp 1 CHF.

  • Preise

Ich bin gar nicht überrascht, dass hier sehr viele Leute rauchen. Wenn ich um die Mittagszeit aufs Tram gehe, an einer Schule vorbei, sehe ich jedes Mal mehrere Dutzend Schüler auf der Strasse stehend und rauchend, alle! Ich rauche ja nicht und werde sicher nicht anfangen, aber ich habe die Preise angeschaut und die teuersten, also Kent oder Marlboro, kosten etwas über 70 Rubel die Schachtel, also 2 Franken etwas.

Und natürlich Kraftstoffe sind billig. Die Tankstelle, wo ich jeden Tag vorbei laufe, hat Preise von 29 bis 32 Rubel/Liter, also weniger als 1 CHF. Und manche Wodkamarken sind billig, knapp 4 CHF pro Flasche. Und Gas ist billig..

Sonst finde ich die Preise hoch, also wenn man bedenkt, was man hier so verdient. Ich kenne natürlich nicht alle Preise auswendig, aber z. B. 180 g Butter kaufe ich für 70 RUB (1,1 CHF), Milch – 1000 g (oder manchmal 900 ml:) für rund 35 RUB (1 CHF), wenn im Plastiktüte, 52 RUB in PET-Flasche (1,5 CHF), Käse kostet von 0,7 bis 1,1 CHF/100 g, Brot ist noch billig – die 325 g kosten 0,4 CHF. Und Honig kostet mindestens 11 CHF/kg, auch wenn man es auf der Strasse von einer Babuschka kauft.

Von Gemüse & Obst sind Kartoffeln, Kabis, Kürbis und Melonen am billigsten. Z.B. 1kg Kabis für 0,4 CHF. Peperoni sind für mindestens 3,4 CHF/kg, Äpfel 1,7 CHF/kg, naja es hat keinen Sinn hier alle Sorten zu nennen 🙂 Auf jeden Fall kann man nicht sagen, dass es hier an Gemüse & Obst mangelte, man kann alles kaufen, Kaki sogar oder Granatäpfel. Das Einzige, was ich hier noch nicht gefunden habe, ist Brokkoli.

Von den Bierpreisen würde jeder Tscheche umfallen. Man kann hier viele tschechische Biermarken kaufen. Z.B. ‚Kozel‘, also da kostet die Flasche in Tschechien um die 0,6 CHF, hier wird sie für 1,6 CHF verkauft. Und es ist kein teures Bier hier. Wenn man in die Bar geht, kostet 0,5 l Bier, wenn es wirklich sehr billig ist, 2,8 CHF. Einmal war ich in einem englisch/irischem Pub. Ich weiss, dort ist es immer teuer. Aber als ich für ‚one pint of cider‘ fast 8 CHF bezahlte, wollte ich gleich nach Hause gehen.

Biermarken mit tschechischen Namen sind hier sehr verbreitet, dabei kommen sie manchmal gar nicht aus Tschechien oder werden in Tschechien gar nicht verkauft. Ich denke, es ist einfach eine Vermarktungsstrategie und es gibt Brauereien in Tschechien, wo ihre ganze Produktion in die Staaten der ehemaligen Sowjetunion exportiert wird. Ein Bier z. B. heisst ‚Žatecký Gus‘, es wird wirklich so mit lateinischen Buchstaben geschrieben und klingt ziemlich tschechisch. In Tschechien gibt es eine Stadt, die Žatec heisst. Aber Gus? Solches Wort gibt es im Tschechischen nicht. Also ‚Gans‘ (der Vogel:) heisst das, aber auf Russisch.

Alles, was aus dem Westen importiert wird, ist teuer. Manchmal kaufe ich Mineralwasser, denn das artesische Wasser selbst schmeckt nicht gut. Wie schon einmal, habe ich übersehen, dass  der Zettel mit reduziertem Preis zu etwas anderem gehört und habe 1,5 l Flasche französisches Mineralwasser gekauft, was mich schliesslich 2,3 CHF kostete! Ein Dove Duschgel kostete 3,4 CHF, eine Flasche Martini wäre für unglaubliche 17 CHF! San Pellegrino ist für 2,8 CHF/ 1l-Glasflasche.

Ein Kinobesuch, das sind 150 bis 350 RUB (+- 5 bis 10 CHF). In der vegetarischen Kantine, wo ich war, bekommt man eine Portion (die ziemlich sehr klein ist) für weniger als 200 RUB (bis 5,5 CHF), Sushi ist billig – zu dritt haben wir für jede 8 Stück Sushi + Getränke (ein Bier, eine Kanne Tee und ein Cola) 800 RUB (22,5 CHF) bezahlt, ein Kaffee im Café kostet um die 130 RUB (3,6 CHF). Preise in normalen Restaurants kenne ich nicht, aber ich vermute, in Tschechien wäre es schon billiger!

Sonst weiss ich auch schon, was wir für die Wohnung zahlen – mit Nebenkosten sind es 21 000 RUB für die 3-Zimmer-Wohnung, die ziemlich alt ist und nicht zu zentral liegt. Also umgerechnet fast 600 CHF, das ist noch billig für hiesige Verhältnisse, habe ich gehört.

Für die Fahrkarte Perm – Jaroslawl hin und zurück, 3. Klasse, 2 x 1200 Km Entfernung, habe ich 90 CHF bezahlt. Das ist sehr billig im Vergleich mit der Schweiz aber teurer im Vergleich mit der Ukraine ;).

Für den Russisch-Unterricht zahlen wir 400 RUB für eine Lektion von 90 Minuten. Ich denke das ist ein spezieller Preis für uns Freiwillige. Die Russin, von der ich hier auch schon geschrieben habe, dass sie in Tschechien studieren will, hat mir gesagt, dass sie ihrer Tschechischlehrerin 1000 RUB pro Lektion bezahlt.

Ich weiss nicht, was man hier so durchschnittlich verdient (ich weiss nur, in einem Inserat für Tramfahrer war der Lohn 22 000 RUB angezeigt:). Aber als ich einem Russen erzählte, wie hoch ich die Preise hier finde, hat er gemeint, dass er sie im Vergleich mit Europa eher niedriger findet. Aber als ich dann sagte, dass wir umgerechnet 180 CHF (6 400 RUB) pro Monat für Essen und Transport bekommen, fand er den Betrag doch zu klein.

  • ÖV

Also nächstes Thema – der öffentliche Verkehr. Man kann hier auswählen: Bus, Tram, Trolleybus, Marschrutka. Die Verbindungen sind gut, der Zustand der Fahrzeuge ausreichend, die Fahrpläne unbegreiflich.  Die Transportmittel verkehren nur bis 23 Uhr, danach hat man keine Garantie, dass es sich wirklich noch lohnt zu warten und man nimmt lieber ein Taxi (ich musste es einmal tun, der Preis war 5 CHF für eine Fahrt von cca. 7 Km).

Mit den Fahrplänen ist es so eine Sache.. Wie ihr unten auf einem Foto sehen könnt, der Fahrplan ist eine blaue Tafel, die vor allem und einzig für das gut ist, dass man sieht, welche Linien von der konkreten Haltestelle bedient werden. Sonst stehen Intervalle drauf, wann man den nächsten Bus usw. erwarten kann. Ok aber was bring mir die Information, dass der nächste Bus in 17 bis 38 Minuten kommt, wenn ich nicht weiss, wann der letzte gefahren ist? Und sowieso fahren die Busse, wann sie wollen. Also man wartet einfach und manchmal kann es lange dauern, schon oft habe ich ruhig 30 bis 40 Minuten gewartet. Das ist was ich hasse! So eine Zeitverschwendung! Oder wenn ich vom Zentralmarkt fahre, kann ich mit dem Tram, mit der Marschrutka oder mit dem Bus fahren. Aber alle fahren von einer anderen Haltestelle ab und wie soll ich ohne Fahrplan wissen, was als erstes kommt und an welcher Haltestelle ich warten soll?!

Die Fahrkarte kostet 13 RUB, man bezahlt jedesmal, wenn man in ein Verkehrsmittel einsteigt. Es gibt keine Billetautomaten, man kauft die Karte auch nicht beim Fahrer, sondern man sucht sich einfach einen Platzt aus (oder auch nicht, weil die Busse manchmal zum Platzen voll sind) und gleich kommt ein кондуктор, also meistens eine Frau, die die 13 Rubel einkassiert und die ‚Fahrkarte‘ ausgibt. Wenn ihr dann Leute seht, die sofort an dem Papierchen etwas studieren, ist es weil sie schauen, ob sie ein Glückstag haben: wenn man die ersten drei Zahlen zusammenzählt und es das Gleiche ergibt, wie die anderen drei addierten Zahlen, bedeutet es ein Glückstag!

Die meisten Busse sind ausgesonderte Fahrzeuge des deutschen ÖV, ggf. manche wurden aus Skandinavien importiert. Man kann an den Bussen noch Reklamen auf Deutsch sehen, da kommt ein Bus mit Endstation Weil am Rhein. Und bitte, steigen Sie vorne beim Fahrer ein ;)!

  • die Küche

Ja ich hätte noch vor 6 Wochen auch gedacht, die Engländer wären die Weltmeister im Teetrinken. Jetzt denke ich, die Russen sind es! Jedesmal, wenn man zu jemandem nach Hause kommt, bekommt man Tee (oder Kaffee). Und Kekse. Oder andres Gebäck oder sonst etwas Süsses. Und Konfitüre! Unglaublich, diese Gewohnheit – man stellt ein Glas Konfitüre auf den Tisch und dann löffeln alle die süsse Masse, die sie mit dem Tee hinunterspülen.

Pfannkuchen (блинчики) sind auch sehr populär. Die isst man mit gesüsster Kondensmilch. Ah es gibt so viele verschiedene Milchprodukte! Zum Teil weiss ich gar nicht wozu ich sie brauchen sollte. Literweise trink man Kefir , dann gibt es ряженка (‚Rjaschenka‘), тан (‚Tan‘), топлёное молоко (‚gebackene/im Ofen gedämpfte Milch‘), natürlich kauft man auch viel Quark, Jogurt, Rahm und Sauerrahm. Und im gleichen Regal mit allen diesen Milchprodukten stehen noch 1-Liter-Flaschen mit закваска – also Gärmittel für Milchsäuregärung, oder wie würde es man nennen..

Viel verschiedenes Getreide wird hier gebraucht, Hirse zum Beispiel. Und Buchweizen ist sehr beliebt. Man kocht gerne mit viel Dill und Knoblauch. Und man gart die Sachen also dünstet vor allem, als dass man sie brät. пельмени – Pelmeni muss man natürlich probiert haben (diese Teigtaschen gibt es auch mit vegetarischen Füllungen:), oder eine andere Variante von вареники (‚Wareniki‘). Oder auch посикунчики (‚Posikuntschiki‘).. Ah ich kenne mich mit allen diesen Teigtaschen und Piroggen viel zu wenig aus..

Es gibt sehr viele Einflusse auf die ‚russische‘ Küche. Die zentralasiatische Küche, tatarische, kaukasische, ukrainische.. Auch viele Produkte, die man hier kauft, haben diesen Ursprung, wie z. B. die Brotsorten –  Lavash oder ein georgisches Brot, was ich jetzt nicht weiss, wie es heisst.. Und wenn man die Russen fragt, was typisch russisch ist, antworten sie, dass eigenlich nichts, denn alles ursprünglich aus anderen Ländern kommt. Nicht mal der Borschtsch, der stammt ja aus der Ukraine! (meinen ersten Borschtsch könnt ihr unten auf dem Foto bewundern, stilvoll in einem Made-in-USSR-Topf gekocht!)

So das wäre langsam alles, was ich euch mitteilen wollte.. Ich habe bestimmt etwas vergessen, aber das kann ich ja das nächste Mal schreiben. Obwohl der nächste Beitrag wird sicher von meiner Reise nach Rostow und Jaroslawl sein!

In der Fotogalerie (die aus irgendeinem Grund nicht die Reihenfolge annehmen will, die ich will), sind noch Fotos von dem Denkmal und dem angrenzenden Friedhof, wo das Meeting des Gedenktages stattfand und auch die Strassenseen, eine Marschrutka-Fahrt und andere zufällige Perm-Schnappschüsse.